Lebensweg

„Geschichte“ ist nur die eine Seite der wirklichen Geschichte. Die eigentliche Geschichte ist hinter der „Geschichte“; die, die man sich erzählt, das ist nur die Oberfläche. Will ich also wissen, was wirklich mit mir los ist, was ich kann und wo meine Aufgabe im Leben ist, dann muss ich hinter das Vordergründige schauen. Daher muss ich ganz vorne anfangen. Das heißt bei meiner Identität.

Frage ich mich, wer ich bin, muss ich als Erstes realisieren, dass ich nicht aus mir selbst heraus existiere. Ich bin ein Aspekt eines Prozesses, der weit größer ist als ich selbst; der lange vor mir begonnen hat und mit meinem Tod nicht endet. Daher darf ich mich nie nur isoliert sehen, sondern alles „um mich herum“ ist gleichfalls ein Aspekt dieses Prozesses. Und der beginnt bei meiner Herkunftsfamilie.

Mein Erbe

Von meinen Eltern habe ich nicht nur materielle Dinge geerbt, sondern auch sehr viel Geistiges. Was für mich eine Erblast bedeutete, war doch mein Vater in der NS-Zeit in medizinische Verbrechen involviert. Ein grausames und grausiges Erbe. Wenn Sie dazu mehr wissen wollen, finden Sie unter https://hz.zettel.biz das, was ich bisher gefunden habe. Aber es ist für Sie nicht unbedingt notwendig, das zu wissen, denn es geht alleine um den Denkfehler.

Erinnerungskultur betrifft die Vergangenheit, mir aber geht es vor allem um die Zukunft. Zu sagen, dass nie wieder geschehen soll, was im sogenannten Dritten Reich geschah, ist absolut richtig. Doch die Frage bleibt, wie das nicht geschehen kann, solange ich nicht weiß, was die Menschen so handeln ließ, wie sie eben handelten.

Nachdem ich wusste, was geschehen war und woran mein Vater beteiligt war, wollte ich das immer loswerden, doch ich wurde es eben nicht los. Das werde ich auch nie, das habe ich mittlerweile erkannt und auch begriffen. Nur ich bin dem nicht völlig hilflos ausgeliefert. Ich werde es, wie gesagt, zwar nicht los, doch ich kann es transzendieren. Das beginnt damit, mich nicht hinter Begriffen wie „unmenschlich“ zu verschanzen. Denn das war es nicht, es war menschlich. Das verlangt von mir in den Spiegel zu schauen und mir die „Und Du?“ Frage zu stellen.

Nur wollen das viele nicht wahrhaben, lieber verdrängen sie es. Hannah Arendt war eine der Ersten, die erkannten, dass es ganz normale Menschen waren. Das absolute Böse war letztlich banal, was es in meinen Augen noch erschreckender macht. Vor allem für mich, denn das heißt, das auch ich so sein könnte, wenn ich in eine ähnliche Situation kommen würde – es sei denn ich finde die Ursache und kann sie dann auch zukünftig für vermeiden.

Nicht was, sondern wie Menschen denken ist wesentlich

Was ein Mensch tut, muss er ja erst einmal denken. Die Frage ist daher nicht was, sondern wie mein Vater gedacht haben muss, dass er aus meiner Sicht moralisch und ethisch nicht zu tolerierende Dinge tat. Sein Tun ist verwerflich gewesen, doch eine solche Wertung hilft mir nicht weiter, ich brauche Fakten, die mich verstehen lassen. Zu verstehen heißt ja nicht einverstanden zu sein. Und so kam ich letztlich zu der Erkenntnis, dass unter anderem naturalistische Fehlschlüsse maßgeblich waren.

Ein Beispiel dazu: Karl Brandt (mit dem Mein Vater arbeitete) prüfte im Auftrag von Hitler, ob in einem konkreten Fall das Leben eines behinderten Kindes lebenswert sei. Die Frage war nicht, ob das Kind leben konnte. Denn das hätte es zweifellos gekonnt. Es war das fatale Gleichsetzen von Wert und Wirklichkeit. Und es war der Beginn der Aktion T4, die „innere“ Rechtfertigung von Hitler, Brandt und letztlich auch meinem Vater.

Naturalistische Fehlschlüsse

Ein extremes Beispiel für einen naturalistischen Fehlschluss ist auch die damals gängige sozialdarwinistische Argumentation: Der Lauf der Evolution unterliege angeblich den ewigen Gesetzen des „survival of the fittest“: Die Starken setzen sich im Kampf ums Überleben gegenüber den Schwachen und Kranken durch. Ein Irrtum mit grausigen Folgen.

Genauso wenig wie die Juden für die damalige wirtschaftliche Situation in Deutschland verantwortlich waren. Viele glaubten das, doch bei genauer Betrachtung fällt dieses Scheinargument in sich zusammen. Es war einfach nicht wahr, es war nicht wirklich.

Anders denken

Es geht also um das Denken, damals wie auch heute noch. Ich sage bewusst immer noch, denn noch denken wir nicht wirklich anders. Solange ich nicht wusste, wie mein Vater gedacht haben muss, solange war ich nicht davor gefeit, das Gleiche zu denken wie er. Und das habe ich sicher auch, nur mit ganz anderen Folgen, denn die Umstände, in denen ich lebte, waren andere. Ich habe also einfach nur Schwein gehabt, denn wie mein Vater habe auch ich lange gedacht. Wie gesagt, wie, nicht was. Scheinbar ein gewaltiger Unterschied. Aber das ist es nicht. Bedenke ich, dass ich ein Element in einem Prozess bin und letztlich mein Denken selbst bin, dann ist mir klar, dass ein anderes Element das beisteuern kann, was mein Denken dann aufgreift – und meine Denkfehler kommen dann zum Tragen beziehungsweise haben dann ganz andere Auswirkungen.

Und ich selbst?

Karl Brandt, dessen Historie vor Beginn des Nationalsozialismus nicht erahnen lies, was er später tat, dachte also mit einem logischen Denkfehler, denn er dachte einen Wert, statt dass er sah, was wirklich war. Und es ängstigt mich, wenn ich sehe, was da im Denken der Nationalsozialisten geschah, denn wie kann ich mir sicher sein, diesem Denkfehler nicht auch zu erliegen, wenn er mir überhaupt nicht bewusst ist? Erzählte ich den Patienten meines Vaters heute, was er im Nationalsozialismus getan hat, würde mir keiner zuhören, man würde sagen, ich sei verrückt. „Niemals hat er das getan“, wäre die Antwort. Doch, das hat er, und es ist meine Verantwortung, zum einen heraus zu finden, was ihn dazu gebracht hat und zum anderen zu lernen, diesem Fehler nicht auch zu erliegen und Drittens, wenn möglich, das weiter zu geben.

Die Antwort findet sich in der Wissenssoziologie. Peter Berger und Thomas Luckmann legten mit ihrem Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ einen neuen Ansatz für eine Theorie der Wissenssoziologie vor. Die zentrale These des Buches wird bereits sichtbar, wenn man sich den Titel etwas genauer ansieht.

Es heißt eben nicht: „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit,“ sondern der Titel heißt vielmehr: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit„. Und das muss ich auch sehr persönlich nehmen, denn entweder frage ich mich, wie meine Wirklichkeit konstruiert wird oder ich frage mich, wie ich meine Wirklichkeit konstruiere.

Wirklichkeit ist subjektiv

Das heißt, dass unsere gesamte Sicht der Wirklichkeit – all das, was wir alltäglicherweise in ganz unbefangener Selbstverständlichkeit als objektive Wirklichkeit der Welt, der anderen Menschen und des eigenen Selbst wahrnehmen –, ist eine gesellschaftliche wie persönliche Konstruktion und nicht etwa eine Naturtatsache. Will ich also wissen, was ist, muss ich mich fragen, wie ich denke; denn das lässt meine Wirklichkeit entstehen.

Die Gefahr dabei ist, dass man denken könnte, ich würde die grausamen Taten der Nationalsozialisten ins Banale ziehen. Doch dem ist so nicht, denn die von Hannah Arendt so titulierte „Banalität des Bösen“ ist ein Abgrund; aber einer, in den auch ich verdammt schnell abgleiten kann. Und das wollte ich früher nicht wahrhaben und viele wollen es noch immer nicht sehen. Aber das ist eine Notwendigkeit, wollen wir, dass das nicht mehr geschieht.

Wie wirklich ist „meine“ Wirklichkeit?

Die Wissensoziologen stehen mittlerweile jedoch nicht mehr alleine da, sondern haben Unterstützung aus einer unerwarteten Ecke bekommen, nämlich den Quantenphysikern. Die erkannten um die vorletzte (!) Jahrhundertwende, dass wir uns fragen müssen, wie wirklich die Wirklichkeit überhaupt ist. Einstein hat einen Aspekt davon mit diesen Worten zusammengefasst:

Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.

Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.“

Zukunft denken

Genau das will ich auch, mich aus diesem Gefängnis befreien. Dafür muss ich bereit sein, „anders“ als bisher zu denken. Darüber schreibe ich auf dieser Seite.

Will ich also Zukunft denken, muss ich erst einmal an die Grenzen des Denkens und wieder zurück. Erst dann kann ich mich nach meiner Matrix im Denken umschauen, als ergründen (!), wie ich die Welt denke. Wie sage doch Krishnamurti:

Wenn wir alle zuerst unser Haus in Ordnung bringen,
haben wir eine neue Welt geschaffen
.“

Wenn ich dann die Matrix meines Denkens erfasst habe, dann kann ich das auch mit Leben erfüllen. Das ist der nächste Schritt, über den ich schreibe.