Anders denken

Anders heißt eben anders. Nur wie kann es überhaupt anders werden? Was ist dann zu tun? Ganz einfach, ich muss nichts anderes machen, sondern ‚nur’ anders denken. Das ‚Anders-Machen‘ kommt dann ganz von alleine.

Dies ist mir gerade sehr bewusst geworden, als mir klar wurde, dass ich scheinbar nur schwer aus dem Schatten meiner Eltern herauskomme. Anders als sie habe ich vieles gemacht, ganz andere politische Richtung, auch habe ich vollkommen anders als sie gelebt.

Je älter ich werde, desto bewusster wird mir jedoch, dass sich etwas Grundlegendes leider nicht geändert hat. Das ist (oder war?) die Struktur meines Denkens. Die ist ja weniger über meine Eltern definiert, sondern wesentlich mehr über die Gesellschaft.

Wie gesagt, die Struktur, nicht die Inhalte. Das wurde mir klar, als der Roman von Imre Kertész ‚Roman eines Schicksallosen‘ endlich auch emotional bei mir ‚ankam‘, ich endlich bereit war, die darin enthaltene Botschaft zu verstehen.

Endlich war ich in der Lage, nicht nur meine Eltern und was sie taten zu sehen, sondern die gesellschaftliche Denke, also das Ganze, die Struktur des Denkens, die gemeinsame Kultur. Wir bilden uns ja viel auf unsere individuelle Kultur ein, doch im Urlaub in Italien sieht man immer sofort den Deutschen in mir, selbst wenn ich den Mund nicht aufmache.

Die Kultur der Älteren endete nicht 1945, sondern setzte sich fort, nur die Themen sind andere geworden. Ich hatte mich immer gefragt, weshalb die 68 Zeit – für mein Empfinden – so wenige Spuren hinterlassen hat. Heute verstehe ich das: Andere Themen, aber immer noch die gleichen Denkstrukturen.

Es wird erst dann wirklich anders, wenn ich meine Denkstruktur ‚auszutauschen‘ in der Lage bin. Und genau das ist verdammt schwierig. Ich kann mich zwar mit anderen Denkstrukturen beschäftigen, doch das bedeutet noch lange nicht, dass ich dem entsprechend denken könnte und würde.

Will ich beispielsweise in einen Musik-Flow kommen, dann brauche ich zuallererst einmal die entsprechende Musik-Struktur. Oder wenn ich auf dem Motorrad den Lenker festhalte. Um das zu lassen, brauche ich das nicht zu üben, sondern ich benötige eine andere Denkstruktur.

Denke ich zustandsorientiert, dann halte ich ihn fest, denke ich jedoch prozessorientiert, dann lasse ich ihn locker. Ich muss also nicht üben, sondern muss meine Denkstruktur ändern. Nicht anders ist es bei der Gewaltfreien Kommunikation! Auch ich hier brauche ich die Regeln nicht zu üben, sondern ich muss (wahrscheinlich) nur meine Denkstrukturen ändern.

Solange ich das nicht erkannt habe, übe ich meist ziemlich lange, bis ich meine alten Denkstrukturen endlich umgebogen habe. Kann ich jedoch meine Denkstruktur ändern, gelingt das sofort und ich muss nur noch meine Technik üben. Kinder können das übrigens leicht.

Als mein Enkel Paul das erste Mal auf einem Fahrrad saß, hatte ich das Gefühl, dass das noch dauert, bis er das hinbekommt. Doch am nächsten Tag, Wunder über Wunder, fuhr er schon sehr gut. Er hatte ganz offensichtlich seine Denkstruktur bezüglich des Fahrradfahrens geändert. Jetzt muss er nur üben, um besser fahren zu können; aber nicht mehr, um Fahrradfahren zu können.