Auffassungsgabe

Meine Auffassungsgabe definiert die Grenze meiner Wirklichkeit.

Kürzlich habe ich geschrieben ‚Was ich sehe, darf ich nicht für etwas halten, was es nicht ist.‘ Doch das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, denn dann kommt unweigerlich die Frage, was hinter dem ist, was ich denken kann! Wo und vor allem mit was oder wie höre ich auf zu denken, weil ich die Grenze meiner Vorstellung erreicht habe?

Dies hat vielfache Bedeutung für mich, denn damit definiere ich, mit welchem gedanklichen Konzept ich aus dem Vorstellungs- und Wahrnehmungsprozess ‚aussteige‘. Damit ist aber nicht das Konzept davor gemeint, sondern das angenommene Konzept dahinter. Ohne ein ‚Dahinter‘ kann ich ja kein ‚Davor‘ denken!

Wissenschaftlich gehen wir mittlerweile ganz selbstverständlich davon aus, dass Raum und Zeit mit dem Urknall zu existieren (oder zu sein) begonnen haben. Wir wissen weiter, dass sich das Universum kontinuierlich ausbreitet. Und was vor dem Urknall war, darüber spekulieren auch die Wissenschaftler, denn wissen können sie es einfach nicht.

Die Frage, die ich mir stelle, ist, wovon ich eigentlich ausgehe, wenn ich den Raum, in dem ich mich gerade befinde, als statisch erlebe. Muss ich dann nicht zwangsläufig auch davon ausgehen, dass das ganze Universum und alles dahinter statisch ist? Ich kann zwar das Wissen haben, dass das so nicht ist, doch wovon ich ausgehe, also mein implizites Wissen, ist wohl etwas ganz anderes.

Ich kann mir (in meiner Vorstellung) nicht vorstellen, dass die Erde statisch ist, das Universum aber nicht. Entweder sind beide statisch oder beide nicht. Das wiederum bedeutet, dass ich an meiner Vorstellung über die Erde arbeiten muss, damit ich sie mir mit dem Universum übereinstimmend vorstellen kann.

Allenfalls kann ich sagen, ich spreche über den Raum, in dem ich sitze, als über etwas Statisches, weiß aber implizit – und nicht nur explizit! -, dass das nur eine Annahme ist, die es mir erlaubt, einen Schrank in der passenden Größe zu kaufen. Also ‚nur‘ eine Frage der Praktikabilität. Doch keine Wirklichkeit.

Die naheliegende Interpretation dieses scheinbaren Widerspruchs ist für mich, dass ich eine nichtstabile Welt – was auch immer das bedeutet – mir ‚nur‘ stabil denke. Das Problem dabei ist nur, würde ich das nur explizit denken, also die Welt in irriger Annahme als grundsätzlich stabil ansehen, dann würde ich mich in ein gedankliches Konstrukt einsperren, das jedoch der Wirklichkeit nicht entspricht.