Bewusstheit

Ist Bewusstheit ‚mein‘ Avatar? Ein Avatar bezeichnet im Hinduismus die Manifestation des höchsten Prinzips (Brahman) oder einen göttlichen Aspekt, der die Gestalt eines Menschen oder Tieres annimmt.

Avatar bezieht sich immer auf den Gott selbst oder seine Kraft. In der Theosophie bezeichnet man damit allgemein die Inkarnation des Göttlichen. In ‚modernem’ Verständnis ist Avatar eine künstliche Person oder eine Grafikfigur, die einem Internetbenutzer in der virtuellen Welt zugeordnet wird, beispielsweise in einem Computerspiel.

Doch anders als bei einem Computerspiel ist das bei uns Menschen nicht offensichtlich, dass das ein Avatar-Spiel ist, angenommen, unsere Lebenssituation wäre damit tatsächlich vergleichbar. Nun sage ich immer, ‚Ich‘, also meine Existenz und der Kosmos folgen den identischen Prinzipien. Was den Kosmos sein lässt, wie er ist, lässt auch mich sein, wie ich bin. Daher interessiert mich, was die Quantenphysiker dazu sagen.

David Bohm etwa hatte die Vorstellung einer holographischen Struktur des Existierenden. Ich stelle mir das jetzt nicht so vor, dass in einer Art Bibliothek steht, was ich morgen tun werde. Intelligenz oder auch Bewusstheit haben ja keine spezifischen Inhalte. ‚Bewusstheit’ etwa ermöglicht mir das Erleben mentaler Zustände und Prozesse. Eine allgemein gültige Definition des Begriffes aber gibt es nicht.

Nicht anders ist es mit ‚Intelligenz‘. Auch sie ist eine vage Beschreibung eines Phänomens. Wir beziehen sie meist nur auf die Fähigkeit, gedanklichen Überlegungen folgen zu können. Aber ist es nicht auch ein Zeichen von Intelligenz, wenn meine Haut eine Wunde hat und das wieder in Ordnung bringen kann? Wir gestehen ja auch einem Operateur Intelligenz zu, wenn er eine Carotisstenose diagnostizieren und operieren kann. Auch Imagination hat keine Inhalte, sie erfindet ja nichts neu, sondern setzt ‚nur’ Bekanntes in einen anderen Zusammenhang , interpretiert es auf eine bisher noch nicht bekannte Weise.

Die Frage ist nun, ob ich Intelligenz, Bewusstheit oder Imagination jedem einzelnen Wesen zugestehe oder ob ich es als ein Ganzes, als ein in sich differenziertes Eines betrachte. Gehe ich davon aus, dass Intelligenz etwas Subjektives ist, dann habe ich eben Pech, wenn ich nicht intelligent bin. Sehe ich es jedoch als in sich differenziertes Eines an, dann brauche ich mich nur zu fragen, wie ich Intelligenz bisher für mich erfolgreich verhindern konnte – und damit aufzuhören.

Ich habe das an einem anderen Beispiel einmal sehr gut selbst erlebt. Ich hielt mich immer für nicht kreativ (in Kunst hatte ich mit Ach und Krach ein ‚ausreichend‘ hinbekommen). Bei einem Spiel (ich glaube es hieß ‚personal pursuit‘) musste man etwas zeichnen, mimisch darstellen oder mit Worten umschreiben und der andere musste es erraten. Und Wunder über Wunder, meine Zeichnungen wurden schnell erkannt. Ich begriff, dass meine Kreativität einfach nur nicht in die gängigen Vorstellungen passte. Aber ich war ganz offensichtlich kreativ.

Es geht also immer nur um die Frage, wie ich das vorhandene Quantenpotential, wie David Bohm es nannte, aktivieren kann. Intelligenz, Bewusstheit, Imagination und so weiter und so fort sind immer da, nur kann ich sie leider auch durch meine Art des Denkens so verhindern, dass mir dieses Potential nicht zur Verfügung steht. Da genügt schon der feste Glaubenssatz ‚Kann ich nicht …‘ und schon kann ich es auch wirklich nicht.

Dies ist ja nicht nur eine philosophische Frage, sondern auch eine materielle. Gehört beides zusammen. Bohr etwa nahm an, dass, wenn subatomare Teilchen nur bei Anwesenheit eines Beobachters existent werden, es sinnlos ist, von den Eigenschaften und Merkmalen der Teilchens zu sprechen, die angeblich vor der Beobachtung existieren. Was viel für sich hat, denn erst der Beobachter lässt ein Teilchen erscheinen.

Bohms Idee des Quantenpotentials hingegen stellte diese Ansicht auf den Kopf, denn aus dieser Annahme folgt, dass das Verhalten der Teile tatsächlich vom Ganzen organisiert wird. Aber eben nicht konkret, nicht determiniert, nicht festgelegt. Auch hier hat der Beobachter eine exorbitante Bedeutung. Denn der, also ich selbst, bestimmt so, was ihm, also mir, bewusst werden kann und was nicht. Lasse ich mich beispielsweise nicht darauf ein zu tauchen, bleibt mir die Bewusstheit und das Bewusstsein des Tauchen-Könnens eben verwehrt.

Bevor ich Motorrad zu fahren begann, war zwar das Potential dieser spezifischen Bewusstheit vorhanden, doch ich konnte es erst realisieren, als ich tatsächlich zu fahren begann. Das erlebbar zu fahren steht hier also für das Beobachten. Woraus folgt, dass das Beobachten, das mich Potentiale erkennen lässt, immer ein ‚Tun‘ ist.

Die Frage ist: Bin ich mir ‚meines‘ Avatars bewusst, also der Intelligenz, Bewusstheit oder Imagination, jedoch ohne das Wörtchen ‚meine ..‘ davor zusetzen – oder bete ich doch lieber nur das Göttliche an, das der Avatar repräsentiert? Bin ich ‚nur‘ die Gestalt die er annimmt oder bin ich ‚er’? Das ist letztlich eine Entscheidung, die ich treffen muss.

Wie gesagt, es ist eine Entscheidung. Nichts Gegebenes.