Beschreibung

Wir erleben mehr, als wir begreifen. Ein Satz von Hans Peter Dürr, denn ich sehr lange einfach abgetan habe, weil ich ihn nicht verstand. Dabei ist er total einfach. Nur begriff ich ihn nicht (oder wollte ihn nicht begreifen), weil die Dinge, die mir begegnen, zu begreifen, war für mich sozusagen eine innere Notwendigkeit.

Es war dieses Verstehen-Wollen, das mich daran hinderte, zu sehen, was ist. Dabei würde es doch genügen, wirklich zu sehen, was ist. Es ist eben, wie es ist. Die Dinge nicht verstehen zu wollen darf mich jedoch nicht dazu bringen, die Erklärung für nicht Verstandenes im Mystizismus oder im Glauben zu suchen. Das sind nichts anderes als Erklärungen.

Bin ich ein Anhänger der Astrologie, geschichtlicher Herleitungen, psychologischer Erklärungen, moralistischer oder mystizistischer Konzepte, dann mache ich letztlich nichts anderes als das, was die sogenannten Pragmatiker auch tun: Sie haben für alles eine Erklärung. Und an die glauben sie, unbedingt. Wehe, wenn man solche Überlegungen in Frage stellt. Dann kann es schnell Ärger geben.

Zu sehen, dass es ist, wie es ist, ist (leider) auch eine Einladung für Fatalismus, Beliebigkeit und der Tendenz, nicht genau wissen zu wollen, was überhaupt ist. Es verlangt schon einiges an geistiger Courage, dem nicht anheim zu fallen. Ein Beispiel: In unserer Kultur gibt es das Unendliche und das Endliche. Ich bin ein Mensch, daher habe ich gelernt, dass ich endlich sei. Was natürlich bedeutet, dass ich das Unendliche nicht begreifen kann.

Um angesichts dieser Unwissenheit nicht durchzudrehen, braucht es Erklärungen. Religion etwa. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es sein kann, dass es verschiedene Götter geben kann, wo man Gott, als Sinnbild des Unendlichen, doch gar nicht verstehen kann? Wie kann ich etwas anbeten, das ich per definitionem nicht begreifen kann? Und wer hat das bestimmt? Ich habe schon als Kind immer gedacht, dass niemand mit mir reden kann, den ich nicht begreife. Und wer hat die Bibel geschrieben? Menschen!

Was aber, wenn die Annahme, dass es diese Trennung gibt, schlicht und einfach unzutreffend ist? Da gefällt mir der Satz von Meister Eckhardt, dass Gott in mir und ich in Gott bin. So denke ich auch seit einiger Zeit, dass der Kosmos, also der geistige Ursprung des Kosmos und der geistige Ursprung meiner Existenz identisch sind. Es gibt viele solcher Trennung, die wir akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen. Wie etwa die von ‚bewusst‘ und ‚unbewusst‘.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass diese Trennung im Flow verschwindet. Nur denken wir selten darüber nach, wenn wir im Flow waren. Wenn wir im Flow sind, können wir überhaupt nicht darüber nachdenken. Interessant, nicht? Denke ich also nicht, wenn ich im Flow bin? Ganz im Gegenteil, ich denke nur nicht nach! Im Nachdenken mache ich exakt das Selbe, wovon auch die Physiker lange Zeit ausgingen, nämlich von dem ‚ausgeschlossenen Dritten‘. Nur ist das eine irrige Annahme, wie wir mittlerweile wissen.

Wenn ich also nachdenke und so tue, als sei ich nicht mittendrin, dann lebe ich gedanklich in einer Illusion – aber nicht in der Wirklichkeit; mein Denken und die Wirklichkeit sind ganz einfach nicht deckungsgleich, sie stimmen nicht überein. Die Wirklichkeit kümmert das nicht, nur ich habe dann ein wirkliches Problem. Schon die Frage ‚was ist, wenn ich die Welt, in der ich lebe, nicht sehe‘, ist dann nicht korrekt. Ich lebe ja nicht ‚in‘ der Welt, das könnte ich nur, wenn ich von ihr als getrennt bin – was ich aber nicht bin! Ich erlebe es nur so, weil ich meine Wahrnehmung entsprechend reglementiere, über mein Denken. Ich baue also einen Filter ein, der alles ausklammert, was nicht sein darf.

In dem Moment, in dem ich mich jedoch wirklich auf mein Erleben einlasse, jedoch ohne darüber nachzudenken, dann erlebe ich definitiv mehr, als ich begreifen kann. Ich kann es nämlich nicht wirklich erklären. Und das werde ich wohl auch nie. Wir erleben definitiv mehr, als wir begreifen – vorausgesetzt, wir lassen uns darauf ein! Doch was bedeutet das jetzt konkret? Ich darf ja nicht vergessen, dass unsere Sprache den selben Regeln und Prämissen folgt wie die klassische Physik, also der Wirklichkeit nicht entsprechen kann, sie definitiv nicht exakt abzubilden in der Lage ist.

Auch wenn wir die Phänomene der Quantenmechanik noch nicht vollständig verstehen, können wir die Welt damit dennoch präzise beschreiben und Vorhersagen über das Verhalten von atomaren Teilchen machen. Diese Vorhersagen sind so verlässlich, dass ganze Technologien und Industrien darauf aufbauen. Wenn beispielsweise in einem Gehirn keine Photonen mehr nachweisbar sind, ist dies ein gewichtiger Hinweis auf einen Hirntod. Mit anderen Worten, meine Gedanken und meine Psyche sind ein Ergebnis des Wirkens dieser mysteriösen Teilchen. Wenn ich beschreiben (nicht erklären!) kann, was ein Photon so alles macht, dann kann ich besser nachvollziehen, was in meinem Gehirn so vorgeht.

Vor allem kann ich damit beginnen, die gedanklichen Barrieren und Hürden zu lassen, die mich daran hindern zu sein, was ich bin.

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