Beständigkeit

Beständigkeit ist eine der größten Sehnsüchte vieler Menschen. Mit einer fatalen Wirkung. Nicht nur, dass man Dingen eine beständige Substanz unterstellt – und dann tieftraurig ist, wenn die geliebte Kaffeetasse zu Bruch gegangen ist, nein, man gibt auch Begriffen eine Substanz, die sie aber nicht haben.

Das ‚Problem‘ mit der Sehnsucht nach Beständigkeit ist, dass sie vermeintliche Substanz verleiht, wo aber keine ist. Wenn ich davon ausgehe, dass mein PC, mit dem ich gerade arbeite, Substanz hat, dann ist das für den Moment absolut kein großes Problem. Doch wenn er mal älter ist und Schwierigkeiten bei der Bedienung auftreten und ich gestehe ihm weiterhin Substanz zu, dann fange ich mich an zu ärgern oder zu grämen, dass er seine gewohnte Substanz offensichtlich zu verlieren beginnt.

Beständigkeit kann viele Gesichter haben. Wie gesagt, bei alltäglichen Dingen kann man das noch hinnehmen. Schwieriger wird es schon, wenn man Dingen Beständigkeit attestiert, die überhaupt nicht existieren. Symbole beispielsweise existieren ja nicht, sondern nur die Vorstellungen der Menschen dazu. Andere wiederum verschanzen sich hinter Wort-Begriffen, statt dass sie nach Gesetzmäßigkeiten ‚fahnden‘ würden.

Ein anderes Gesicht der Beständigkeit ist der Glaube an einen oder mehrere Götter, an Engel und Geistwesen. Das größte Problem aber ist sicherlich, wenn man sich selbst als etwas Beständiges ansieht. Da ist man den ständig auf der Hut, dass einen niemand attackiert, denn – wären wir tatsächlich beständig – würde uns eine Attacke, so sie erfolgreich ist, beschädigen. Also lassen wir konsequent das Visier runter und gehen erst einem in Verteidigungsposition, denn wer will schon angegriffen werden?

Dieses ominöse ‚Ich‘ ist ja nichts anderes als die Sehnsucht nach Beständigkeit. Doch genau das ist weder die Welt noch wäre irgendein Lebewesen beständig. Also auch ich nicht. Dabei geht es nicht nur darum, dass wir altern und eine begrenzte Lebenszeit haben. Viel interessanter ist ja die Frage, was vor unserer Geburt (genauer Zeugung) und nach unserem Tod war beziehungsweise ist.

In meiner Vorstellung bleibt von mir keine ‚Seele‘ übrig, wenn ich einmal gestorben bin, nichts, was man irgend einen Namen geben könnte. In dem Film Star-Treck gibt es Formwandler, die, so das Bild, sich aus einem indifferenten Meer materialisieren und dann wieder dorthin verschwinden. Und so ist es auch mit allen Lebewesen dieser Erde, also auch uns, dass wir aus Geist materialisieren und wieder Geist werden, nur, dass dieser ‚Geist‘ ganz anderes ist als das, was wir uns normalerweise darunter vorstellen.

Das wir aber, wie ein Buddhist sagen würde, wie alles andere auch aus der Leere heraus materialisieren und wieder dorthin zurückkehren, dem kommt uns das Bedürfnis nach Beständigkeit sehr in die Quere, denn das verträgt sich nicht. Aber wenn es doch so ist? Gehe ich davon aus, dass ich eben nicht beständig bin, was ja tatsächlich den Gegebenheiten entspricht, komme ich persönlich besser und leichter durchs Leben.

Und als Menschheit wären wir ohne das Korsett der Beständigkeit wohl viel eher in der Lage, unsere aktuellen Probleme in die Richtung einer Lösung zu schieben. Ich denke nämlich, das genau dieses unzutreffende Denken die Ursache dafür ist, dass wir auf der Stelle treten und nicht weiterkommen.

Wie gesagt, das gilt für den Einzelnen wie für uns alle.

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