Bewusstsein

Kann Bewusstsein universell wie individuell sein? Auf diese Frage brachte mich eine Überlegung am frühen Morgen. In systemischen Aufstellungen ‚denken’ ja die Stellvertreter nicht, sondern empfinden das, was die Person empfindet, für die sie stehen. Sie befinden sich sozusagen im Bewusstsein der anderen Person.

Ich bin also in der Lage, in einer Aufstellung die Welt eines anderen sozusagen durch seine Augen zu empfinden. Mittlerweile ist für mein Empfinden ausreichend dokumentiert, dass das kein esoterischer Klimbim ist, sondern ernst genommen werden kann.

Bin ich also in der Lage, unter bestimmten Bedingungen entweder universell oder individuell zu empfinden? Wenn ich einen anderen empfinde, empfinde ich mich selbst vordergründig nicht. Das scheint ganz offensichtlich so zu sein. Als ich meine systemsieche Ausbildung machte, las ich einmal einen Artikel der sich mit der Frage beschäftigte, dass wir ja nicht nur in den Aufstellungen, sondern eigentlich immer in diesem Bewusstseinsfeld sind.

Wahrscheinlich weil mir das bewusst geworden war, nahm ich in der Folge Stimmungen anderer viel extremer war, manchmal war es so, als wäre ich unmittelbar in ihrer Empfindungswelt (aber nicht in ihrem Kopf!). Was natürlich eine große Gefahr ist, denn wann bin ich es wirklich und wann bilde ich es mir nur ein? Die Grenze zu esoterischem Geschwafel ist da nicht so einfach exakt zu definieren.

Interessanterweise erlebte ich dieses Phänomen mit der Zeit immer seltener. Was aber war der Grund dafür? Diese Frage kam mir aktuell in den Sinn. Irgendetwas schien sich wie ein Schleier davor zu schieben. Oder zwischen mich und den anderen. Das beschäftigt mich aktuell wieder, kamen mir doch kürzlich zwei Zitate in den Sinn. Beide sind von Quantenphysikern, die man wohl kaum des Mystizismus verdächtigen wird.

Das eine Zitat ist von Albert Einstein. Hier ein Auszug: „Er [der Mensch] erlebt sich und sein Fühlen als abgetrennt gegenüber dem Rest, eine optische Täuschung seines Bewusstseins.“ Das andere ist von Erwin Schrödinger: „Bewusstsein gibt es seiner Natur nach nur in der Einzahl. Ich möchte sagen: die Gesamtzahl aller ‚Bewusstheiten‘ ist immer bloß eins.“

Ausgehend von diesen beiden Zitaten ist das, was ich in Aufstellungen erlebe, keine Illusion. Was ich jedoch selbst immer wieder erlebe, dass mir nämlich die Empfindungen eines anderen nicht unmittelbar zugänglich sind, sondern manchmal regelrecht fremd, das ist eine Illusion. Jack Kornfield formulierte es etwas anders: „Unser Leben hat sowohl eine universelle als auch eine persönliche Dimension. Beide müssen respektiert werden, wenn wir frei und glücklich sein wollen.

Bedeutet das, dass ich sozusagen gewisse ‚Bedingungen’ erfüllen muss, damit ‚das’ Bewusstsein den Schleier hebt? Verbirgt es sich selbst vor mir, wenn ich dafür nicht reif bin? Das ist für mich die einzige nachvollziehbare Erklärung dafür, dass ich mir der Empfindungswelt eines anderen einmal bewusst sein kann und dann wieder nicht.

Die Frage, die sich dann logischer Weise anschließt ist, ob ich auch eine Situation umfassend empfinden kann, in der ich selbst bin; sich also die universelle und die individuelle Empfindung vermischen? Gestern bei einen Besuch legt sich die Katze des Hausherrn auf meinen Schoß und ich kraule sie. Die Empfindung der Katze und meine eigene schienen regelrecht zu verschmelzen.

Ist das vielleicht genau das, was David Bohm in seinen Gedanken zum Dialog auf einer ganz anderen Ebene zu beschreiben suchte? Dass die geistigen Welten zweier Menschen miteinander verschmelzen können, wenn sie dazu bereit sind? Die Begegnung, die in einem Dialog möglich ist, findet ja nicht im Denken statt, sondern in der Empfindung.