Bewusstsein

Das Zünglein an der Waage. Wenn ich weiß, dass meine Erfahrungen wesentlich mehr mit meiner Persönlichkeit zu tun haben als Gene oder auch Erziehung, dann stellt sich mir die Frage, was das jetzt genau bedeutet.

Bevor ich etwas denke oder tue, befinde ich mich in einem indifferenten Raum des Möglichen. Ganz ähnlich wie ein Proton in einem Doppelspaltversuch. Solange niemand hinschaut und nicht wissen will, was es denn tut, befindet es sich in einer Superposition; einem Zustand, in dem es weder Welle noch Teilchen ist sondern eine Möglichkeit.

Erst wenn jemand nachschaut, wie es Schrödingers Katze in ihrer Kiste geht, wird man es wissen. Sie ist tot oder lebendig. Das war sie auch schon vorher. Das ist genau die gedankliche Falle, die Schrödinger mit seiner Katzenkiste gebaut hat.

Wenn ich jedoch in meinem Stuhl sitze und es klingelt, weiß ich eigentlich nicht, wer da klingelt. Meist habe ich gewisse Erwartungen oder auch Erfahrungen. Selten das jemand Unbekanntes klingelt. Eigentlich sollte ich in meinem Bewusstsein nicht auf eine bestimmte Person festgelegt sein, aber ich habe eben meist meine Erfahrungs- und Erwartungs-Frames im Kopf. Und genau dieses Bewusstsein (was nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat!) definiert, was ich erleben werde. Und genau darin bin ich durch meine Vorannahmen festgelegt.

Wenn Ihnen jemand erzählt, sein Nachbar habe einen Porsche und einen Lamborghini, was denken Sie da über diesen Nachbarn? Wie stellen Sie sich ihn vor? Ich vermute mal, dass Sie nicht das Bild eines Bauern im Kopf haben. Aber vielleicht ist er ja genau das, wenn er Traktoren von Porsche und Lamborghini hat?

Was uns oft fehlt, das ist die gedankliche Propriozeption, das Bewusstsein dafür, wie wir uns gedanklich bewegen. Je besser meine körperliche Propriozeption ist, desto flüssiger kann ich mich bewegen. Bei der gedanklichen Propriozeption ist es nicht anders. Je bewusster mir ist, wie ich mich gedanklich bewege, desto flüssiger kann ich mich bewegen.

Eine Bewegung, egal ob körperlich oder geistig, beginnt idealerweise in einem Raum der völligen Ruhe. Buddhisten würden Leere sagen. Wie sagt doch Seng Tsan: „Wenn alles mit Gleichmut betrachtet wird, kehren wir zu unserer Selbst-Natur zurück.“

Meist ist es aber ganz anders, jedenfalls bei den Gedanken. Der Bewusstseinsraum, aus dem heraus wir denken, ist nämlich in der Regel nicht leer, sondern angefüllt mit Lebensskripten, Glaubenssätzen, Annahmen, Meinungen inklusive dem Bedürfnis, sich Geltung zu verschaffen, Anerkennung zu bekommen und so weiter und so fort. Jedenfalls kein Gleichmut.

Es ist also mein Bewusstsein, das darüber entscheidet, wie ich auf eine spezifische Situation reagieren werde. Also sollte ich mir tunlichst bewusst werden, was so unbewusst in mir schlummert. Denn das Bewusstsein besteht hauptsächlich aus unbewusstem Kram. Und den muss ich herausbekommen. Bis am Ende nur noch Gleichmut übrig bleibt. Also Leere. Dann kann ich angemessen auf die Situation reagieren – und nicht auf meine vorauseilenden Annahmen.

Ich brauche also nur mein Bewusstsein zu leeren. Aber wirklich leeren. Keine Annahmen mehr, welcher Art auch immer. Dann befindet sich mein Bewusstsein in einer Superposition, es ist nicht festgelegt. Wir verstehen Bewusstsein meist als ein „Entweder-Oder“. Wie ein Proton kann es im übertragenen Sinn entweder Welle oder Teilchen sein – oder sich in einer Superposition befinden, einem Raum des Möglichen, nicht festgelegt, weder Welle noch Teilchen. Offen für das, was ist und nicht im Voraus auf eine Erwartung fixiert.