Beziehung

Begegnen oder beziehen wir uns auf einander? Das ist zunehmend die Frage. Jede Beziehung fängt mit einer ersten Begegnung an. Da beginnt es oft schon, viele Menschen wollen weder eine Begegnung und erst recht keine Beziehung, sondern einfach nichts miteinander zu tun zu haben, ob es die Verkäuferin im Supermarkt oder der Automechaniker ist. Viele Menschen degradieren andere zum reinen Dienstleister für ihre Bedürfnisse, sie wollen keine Begegnung und erst recht keine Beziehung.

Es ist eine Folge der von Karl Marx beschriebenen Entfremdung des Menschen. Nicht nur, dass wir Dinge produzieren, mit denen wir uns nicht mehr identifizieren können. Selbst viele geistige Tätigkeiten führen zu Entfremdung. Die Fälle, die ich als Jurist zu bearbeiten hatte, mit denen ich mich wirklich identifizieren konnte, wo also mein Herz dabei war, die kann ich schnell aufzählen.

Diese Entfremdung von dem Produkt unserer Arbeit führt zwangsläufig zu einer Entfremdung von uns selbst und letztlich auch von der Natur und den Mitmenschen. Entfremdung, so Wikipedia, bezeichnet einen persönlichen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem die ursprünglich natürliche Beziehung des Menschen aufgehoben, verkehrt, gestört oder zerstört wird. Da könnten wir von Tieren lernen.

Gestern lernte ich eine Kater kennen, die mich erst einmal abcheckte. Er begegnete mir. Als er wohl der Meinung war, dass ich ganz ok wäre, legte er sich auf meinen Schoß und lies sich streicheln. Er ging eine Beziehung mit mir ein – und ich mit ihm. Was für ihn und für mich das normalste von der Welt war, ist zwischen uns Menschen nicht mehr so einfach, selbst wenn wir offiziell in einer Beziehung miteinander leben; als Familie, Ehepaare, Freunde oder auch berufliche Partner.

Es ist nicht notwendig, mit dem Automechaniker eine Beziehung einzugehen, aber ich sollte im doch wirklich und ernsthaft begegnen und nicht nur freundlich zu ihm sein. Entscheidend ist, ob ich den Menschen ‚sehe‘ – oder nur mein Interesse an der Begegnung und das in schön verpacke, damit ich (!!) besser rüberkomme. Es ist schon traurig, dass sich der Mensch ganz offensichtlich, jedenfalls für viele ist das so, über etwas Gedanken machen muss, was für ein Tier selbstverständlich ist. Wir haben uns definitiv von uns selbst entfremdet und merken es meist nicht einmal mehr.

Eine Tatsache, die den  Religionsphilosophen Martin Buber wie viele andere auch beschäftigt hat. Ich und Du ist eine seiner bekanntesten und wichtigsten Schriften. Oder David Bohm mit dem Dialog. Es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen, weshalb es so ist, dass wir nicht mehr in Beziehung zueinander sind, wir müssen ganz einfach wieder in Beziehungen leben und dem anderen so zu begegnen, dass ein wahrhaftiges ‚Gespräch‘ möglich ist. Wenn wir das ermöglichen, wird uns vielleicht ohne groß darüber nachzudenken klar, was wir an unserer Lebensweise ändern müssen. Oder wir tun es dann vielleicht schon.

Um eine Beziehung zur beiderseitigen Zufriedenheit gestalten zu können, braucht es Bewusstheit, Achtsamkeit und Verantwortung. Bewusstheit im Sinne einer bewussten Beziehungsgestaltung, mit dem Wissen um die Kostbarkeit und Einzigartigkeit einer jeden Begegnung. Ich denke, dass vielfach die Basis einer Beziehung nicht gesehen wird, nämlich die bewusste Gestaltung. Als Anwalt habe ich oft erlebt, dass Menschen, die sich einmal zugetan waren, sich auf das Schrecklichste streiten konnten. Sie waren sich nicht bewusst, dass Liebe als Basis für eine Beziehung nicht genügt.

Beziehungen müssen ganz einfach gestaltet werden. Das ist das eine, das andere ist, dass jeder seinen emotionalen Schrank aufräumt und rauswirft, was da nicht hinein gehört.