Beziehung

Ich und die Welt. Nichts als Beziehung. Weshalb ich das denke? Ich sage immer, dass es keinen Strand gibt, nur Sandkörner. Genauso gibt es keine Gesellschaft, nur Menschen. Und so weiter und so fort.

Die, wie ich finde, interessanten Feststellung, dass es keine Gesellschaft, sondern nur Menschen gibt kann einen ganz schön ins Grübeln bringen. Und es bringt mich weiter zu der Annahme, dass wir vielfach Begriffen sozusagen Tatkraft, Einfluss und Möglichkeiten zugestehen – obwohl diese tatsächlich überhaupt nicht existieren.

Doch Fiktionen sind  von Nutzen, solange sie auch als solche genommen werden. Dann sind sie einfache Möglichkeiten, die Welt in einer Weise „darzustellen“, über die wir uns einig sind, damit wir zusammenarbeiten können, ob wir uns über Meter und  Stunden, Zahlen und Worte sowie mathematische Systeme und  Sprachen einigen oder was auch immer.

So können wir uns schnell und leicht verabreden, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit uns an einem klar definierten Ort zu treffen. Das ermöglicht eine Einigung über die Maße von Raum und Zeit, die es aber so nicht wirklich gibt.

‚Eigentlich‘ wissen wir das, doch da wir im Alltag so tun, als gäbe es diese Begriffe wirklich, findet oft unmerklich eine Verschiebung der Verantwortlichkeit statt für das, was in der Welt passiert. Man schaut nicht mehr auf das (oder den), der tatsächlich etwas tut, sondern eben auf den Begriff. Und schon ist die Argumentationskette eine völlig andere.

Aber nicht nur die, auch die damit einhergehenden Empfindungen ändern sich. Es macht zum Beispiel einen enormen Unterschied, ob ich sage, dass in der zeit des Dritten Reichs Juden umgebracht wurden – oder Menschen. Habe ich von Hannah Arendt gelernt. Es werden sofort ganz andere Frames aktiviert.

So ist es leicht, über eine Gruppe von Menschen ein Werturteil zu fällen, das aber nicht zutreffen kann (weil es die Gruppe ja nicht gibt) und was sofort offensichtlich werden würde, wenn man die Wirklichkeit genau untersuchen würde. Die Folge sind naturalistische Fehlschlüsse.

Ein extremes Beispiel für einen solchen naturalistischen Fehlschluss liefert der Nationalsozialismus mit seiner sozialdarwinistischen Argumentation: Der Lauf der Evolution unterliegt den ewigen Gesetzen des „survival of the fittest“: Die Starken setzen sich im Kampf ums Überleben gegenüber den Schwachen und Kranken durch. Das dachte nicht einmal Darwin. Aber noch viele Menschen heute.

Wenn ich überlege, was das bedeutet, dann komme ich ziemlich schnell zu der Feststellung, dass Beziehung grundlegend und entscheidend ist – und nicht der Strand (da fing es ja an), nicht eine Religion, nicht die Gesellschaft und nicht die Familie. Doch nur, wenn ich das nicht nur verstanden habe, sondern es auch bei meinen Überlegungen zugrunde lege, kann ich überhaupt zu schlüssigen Annahmen kommen.

Ein Gedanke, der nicht in meinem Gehirn gestartet ist, sondern im Gehirn von Einstein & Co. Dass Beziehung nicht nur entscheidend ist, sondern die Grundlage der Wirklichkeit, ist eine quantenphysikalische Erkenntnis. Richte ich mich danach aus, gestaltet sich mein Leben vollkommen anders. Es löst auch eines der Probleme, die ich lange Zeit hatte.

Meine Frage war immer, was ist ‚Aufgabe‘ des Individuums und was ist ‚Aufgabe‘ der Gemeinschaft. Seit ich begriffen habe, dass es ‚die‘ Gemeinschaft nicht gibt, sondern nur eine Menge Menschen mit entsprechenden Haltungen, vor allem entsprechender Beziehungshaltungen. Es gibt also nur das Individuum und ‚seine‘ Beziehung zu allem anderen.

Manchmal führt die Erkenntnis, das ein bis dahin nicht beachtetes Element wesentlichen Einfluss haben kann zu völlig neuen Sichtweisen. Als Einstein erkannte, dass die Lichtgeschwindigkeit immer gleich ist führt das zu der Erkenntnis, dass Raum und Zeit nicht statisch sind, sondern sich mit der Geschwindigkeit eines Objekts verformen, ja, dass Zeit sogar vollkommen stillstehen kann. Und vielleicht sogar rückwärts gehen kann.

So ist es auch mit ‚Gesellschaft‘ und ‚Individuum‘. Unser Verständnis änderte sich in dem Moment, als man die Bedeutung der Beziehung erkannte sowie die Tatsache, dass es eine ‚objektive‘ Beobachtung letztlich nicht gibt, weil der Beobachter nicht außerhalb des Geschehens steht, sondern mitten drin.

Wenn man es ganz genau betrachtet, gibt es auch das Individuum nicht, nur einen Haufen von ein paar Billionen Zellen. Gehe ich aber von dem Individuum aus, reduziere ich gedanklich (!) die Komplexität. Gehe ich aber von ‚der‘ Gesellschaft aus, dann reduziere ich die Komplexität möglicherweise unzulässig, so dass mir Handlungsoptionen durch die Lappen gehen.

Fiktionen – siehe oben – reduzieren gedanklich Komplexität und machen manche Dinge gestaltbarer und einfacher. Nur wenn man nicht aufpasst, gerät man in die Falle des mechanistischen Denkens und geht von Strukturen aus, die es tatsächlich nicht gibt. Und schon hat man ein gewaltiges Problem.