Bindungen

Bin ich frei der zu sein, der ich bin? Das ist eine wirklich gute Frage. Denn das verlangt letztlich von mir, dass ich in bereit bin, in die (buddhistische) Leere einzutauchen. Auf dem Motorrad erlebe ich diese Leere, die völlige Abwesenheit von Gedanken, immer wieder – wenn ich gut fahre, eben ohne Gedanken, vor allem ohne Ängste.

Das ging mir die letzten Tage immer wieder durch den Kopf. Auf der einen Seite ist mir klar, dass das Denken, auf dem mein Tun wie meine Ansichten und Überzeugungen beruhen, sich dem Bewusstsein entzieht. Allenfalls werden mir solche nachträglich bewusst, aber sie sind es nicht im Moment des Handelns.

Das ist so, weil ich bisher immer versucht habe bewusst zu denken, statt dass ich das Denken geschehen ließ. Ein Attribut an mein Sicherheitsbedürfnis und dem Wunsch nach klarer Orientierung. Schließlich wollte ich immer wissen, was ‚los‘ ist und vor allem wollte ich mich ‚situationsgerecht‘ verhalten – also so, wie ich dachte, dass es ‚richtig‘ wäre, sich so und nicht anders zu verhalten. Nur eben leider bewusst und eben nicht nicht-bewusst, was keinesfalls mit unbewusst gleichgesetzt werden darf. Das sogenannte ‚Unbewusste‘ gibt es ja, konsequent gedacht, nur dann, wenn ich davon ausgehe, ich könnte bewusst denken und handeln.

Was ich aber nicht kann. Wir sagen vielleicht, dass wir sehr bewusst Autofahren würden, doch tatsächlich tun wir das nicht-bewusst. Nur wir haben uns trainiert exakt so zu fahren, etwa aufmerksam. Doch aufmerksam zu sein ist etwas anderes als bewusst zu sein. Um aufmerksam sein zu können, brauche ich meine Sinne. Die sind tatsächlich keine Einbahnstraße, sondern die Wahrnehmung als solche wird unmittelbar durch das Gehirn gesteuert. Meine Vorannahmen und Vorerfahrungen bestimmen, mittlerweile unbestritten, die einen großen Teil dessen definieren, was ich überhaupt wahrnehmen kann.

Hier kommt der Anteil des Betrachters oder Beobachters ins Spiel. Untersuche ich etwas gezielt, dann definiert schon das den Fokus meiner Wahrnehmung. Es ist ja nicht nur so, dass der Beobachter, also ich, Farben sehe, die es also solche gar nicht gibt, oder dass ich etwas als stabil ansehe (und auch erlebe) was es aber grundsätzlich nicht ist. Das ist nur eine Frage des Aggregatzustandes. Die Überführung eines Stoffes in einen anderen Aggregatzustand erfolgt durch einen Phasenübergang, der sich durch eine Änderung der Temperatur, des Drucks oder des Volumens herbeiführen lässt. Was für mich fest ist, ist es für etwas anderes nicht. Das darf ich nie vergessen.

Die ‚Realität‘, die ich wahrnehme, ist also nie absolut, sondern immer nur relativ. Daran ändert sich nichts dadurch, dass eine gemauerte Wand ziemlich fest für mich ist und auch undurchdringlich bleibt, zumindest für eine gewisse Zeitspanne. Doch wenn ich in absoluten Kategorien, Modellen und Konzepten denke, dann ‚übersehe‘ ich, dass letztlich alles seinen Ursprung im Geistigen hat, auch mein Bluthochdruck. Nur weiß ich leider noch nicht, was ihn auslöst, deswegen kann ich die Situation auch geistig nicht anderes wahrnehmen und ihn demzufolge auch (leider) noch nicht auflösen.

Was für viele Menschen eine hochgradige Verunsicherung bedeutet, dass nämlich nichts absolut so ist, wie es einem erscheint, ist für mich definitiv eine Chance. Wäre die Welt so, wie viele denken, also durch Modelle und Konzepte erklärbar, dann wäre Evolution nicht möglich. Die Evolution zeigt uns, dass Lebewesen ‚ihre‘ Realität fraglos auch gestalten können. Doch das wird mir mit ein paar esoterisch angehauchten, wohlklingenden Sprüchen nicht gelingen.

Will ich diesen Weg gehen lernen, muss ich bereit sein, mich aus allen Bindungen zu lösen. Das bedeutet nicht, dass ich mich dann nicht mehr orientieren könnte; aber ich würde mich aus einem anderen Denken heraus organisieren, und zwar aus implizitem und nicht aus explizitem (Verstandes-) Denken heraus; dem Denken, aus dem heraus Menschen immer handeln, wenn sie sich in einer Extremsituation befinden – am besten in einem Flow.

Die Schwierigkeit ist nur, dass mein bisheriges Verständnis von ‚Denken‘ vollkommen begrenzt war. Ich bewegte mich krampfhaft immer nur in den Gedanken, die mir bewusst waren, nie ließ ich mich in das nicht-bewusste in mir selbst ein. Was aber nicht bedeutet, ich ließe mich auf das sogenannte Unterbewusstsein ein! Mache ich mich also frei von Bindungen durch Modelle und Konstrukte, bedeutet das gerade nicht, dass ich mich treiben lassen würde oder gar zu einem Getrieben würde.

Es wird ja berichtet, dass der Buddha, genauso wie auch Jesus, Familie und Heimat verließ. Da die Aufzeichnungen über ihr Leben aber erst lange nach ihrem Tod erfolgten, drängt sich mir die Frage auf, ob unter dem ‚Verlassen von Familie und Heimtat‘ vielleicht das Aufgeben gedanklicher Bindungen gemeint ist, also das Aufgeben der Bindungen an alles, was mit der Konvention einhergeht? Wie dem auch sei, für mich ist klar, dass der Weg in die Freiheit genau darin besteht, mich aus den Bindungen der Konvention zu lösen. Dazu gehört leider auch, dass sich viele lieber im Verstandesdenken als im Denken durch Nicht-Denken bewegen.

Mir fällt immer wieder auf, wie manche ganz schnell das Thema wechseln, wenn man einmal beginnt, den Themen einmal auf den Grund zu gehen und nach den Ursachen fragt – und eben nicht an der Oberfläche haften bleibt.

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