Denk-Ebenen

Auf welcher Ebene bewege ich mich? Habe ich schon implizites Wissen? Oder weiß ich nur etwas, was ich aber noch nicht verinnerlicht habe? Das ist die interessante Frage, die ich mir immer wieder von Neuem stellen musss, will ich meinen geistigen Weg weitergehen.

Wie heißt es doch so schön: ‚Ich bin noch nicht da, wo ich hinwill. Aber zum Glück auch nicht mehr dort, wo ich einmal war. Ich gehe weiter auf meinem Weg.‘ Was hier so selbstverständlich klingt, ist es jedoch nicht. Denn das setzt die Bereitschaft voraus, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen und vor allem, das eigene Wissen bereit sein, zu hinterfragen.

Als ich ein Gespräch mitbekam, in dem es um eine Situation in Zusammenhang mit Corona ging, kam von einem anderen Teilnehmer die Bemerkung ‚Ich kann dich verstehen!‘ Über diese Bemerkung oder Kommentar bin ich ins Grübeln gekommen. Entweder, es war ein psychologischer Trick, um den anderen ‚abzuholen’, dann bestätigt diese Bemerkung den anderen in seiner Ansicht. Oder er war tatsächlich der Ansicht, dann bestätigte das auch.

Was aber, wenn man ihn oder sie eigentlich darauf hinweisen müsste, dass die geäußerte Ansicht wohl unzutreffend ist? Mal ganz unabhängig davon, ob das auch wirklich so war. Aber das wirft interessante Fragen nach den Denk-Ebenen auf.

Meinem Enkel Paul kann ich mit seinen 4 ½ Jahren erklären, wie man Kuchen bäckt. Also nicht ich, ich kann nämlich keine Kuchen backen, das kann meine Frau. Ich kann ihm nur erklären, wie man Spaghetti-Saucen zubereitet. Entscheidend aber ist, dass er sich aus seiner früheren Denk-Ebene ‚herausbewegt‘, dass Kuchen eben einfach auf dem Tisch steht, er nicht wusste und es ihn auch nicht interessierte, wo der herkommt beziehungsweise wie man ihn macht.

Ken Wilber würde diese Ebene des Denkens vielleicht prä-bewusst, nennen, also kein abrufbares Wissen. Aber er beginnt das zum Kochen oder Backen erforderliche Wissen so langsam zu sammeln. Irgendwann wird er dann bewusstes Wissen darüber haben und, vorausgesetzt, er hält sich präzise daran, auch etwas Eßbares produzieren. Dann weiß er, wie man das macht, aber er muss sich die einzelne Schritte noch genau überlegen und vielleicht auch ein Rezept als Vorlage nehmen.

Bei den Spaghetti-Saucen bin ich bei meinen Standards einen Schritt weiter, ich koche sie ganz einfach, ohne, dass ich eines Rezeptes bedürfte. Manchmal habe ich eine Sauce gut hinbekommen, muss aber, wenn mich jemand danach fragt, ganz genau nachdenken, was ich gemacht habe. Ich habe dann nämlich mit ‚implizitem Wissen’ gekocht.

Implizites Wissen oder stilles Wissen (vom englischen tacit knowledge) bedeutet – vereinfacht ausgedrückt – ‚können, ohne sagen zu können, wie‘. Jemand ‚weiß, wie es geht‘, aber sein Wissen steckt implizit in seinem Können, ihm fehlen die Worte, um dieses Können zu beschreiben oder es anderen verbal zu vermitteln.

Es gibt viele Dinge, die wir aus implizitem Wissen heraus machen. Darüber machen wir uns selten Gedanken. Etwa, wie wir auf dem Fahrrad das Gleichgewicht halten. Wer das vermag, kennt – aber eben nur implizit – eine komplexe physikalische Regel, die Neigungswinkel, aktuelle Geschwindigkeit, Kreiselgesetze und Lenkeinschlag berücksichtigt.

Mit ein bisschen Übung bekommt das so ziemlich jeder hin. Aber versuchen Sie einmal, dieses Schräglagen-Thema über die Erklärung des Kammschen Kreises zu vermitteln. Ich denke, bei vielen werden sie da Probleme haben. Und selbst, wenn die dann wissen, warum das so ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sie es auch könnten.

Implizites Wissen ist meines Erachtens nach oft Erfahrungswissen. Das Wissen als solches nützt also nichts, erst wenn man die Erfahrung gemacht hat und es zu implizitem Wissen geworden ist, erst dann hat man es wirklich begriffen. Bis dahin ist es einfach nur Theorie.

Das ist wichtig zu wissen, wenn man jemand etwas sehr Komplexes erklären möchte, was derjenige aber noch nicht erlebt und auch noch nicht selbst erfahren hat. Die Frage ist dann immer, ob man sein bisheriges implizites Wissen für absolut korrekt oder wenn nicht gar für falsch zumindest für ausbaufähig hält. Ich kann einem anderen Wissen aus einer Denkebene, die er noch nicht kennt, nicht vermitteln, wenn er nicht bereit ist, sich darauf einzulassen und sein aktuelles Wissen zu hinterfragen.

Das ‚Problem‘ ist ja, dass er sein implizites Wissen (!!) hinterfragen müsste, was ihm aber naturgemäß nicht leicht fallen wird, denn dazu müsste er sich dessen erst einmal bewusst werden um es verbalisieren und sich darüber austauschen zu können! Aber das ist nicht alles. Wenn ich etwas verstanden habe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich es auch wirklich begriffen hätte.

Beim Fahrrad- oder Motorradfahren bekomme ich ein direktes Feedback, bei anderen, intellektuellen Themen aber nicht. Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist etwas, was viele meinen anzuwenden, aber nicht wirklich anwenden können. Ich habe die GFK erst wirklich ‚begriffen‘, als ich erkannte, dass es dabei eben nicht um eine effektive Art der Kommunikation geht, sondern um Spiritualität.

Das ist die implizite Ebene der GFK. Doch um da hinzukommen, muss ich erst einmal die Regeln beherrschen. So ist es bei sehr, sehr vielen Dingen. Man kann zwar die Regeln lernen, doch um den wichtigen Schritt zum impliziten Wissen zu machen, muss man sich darauf einlassen können. Das ist etwas, was mit unserem üblichen determinierten Denken extrem schwer zu verstehen ist, obwohl wir uns alle bei sehr vielen Dingen eben anders verhalten.

Wir sollten vielleicht endlich lernen, dass man die Dinge nicht definieren, sondern nur beschreiben kann. Das wäre erst einmal ein Anfang. Ich darf einfach nicht dem naturalistischen Fehlschluss erliegen und meine wertenden Aussagen als das ‚Ergebnis‘ von Eigenschaften definieren.