Denken

Wenn, dann aber bitte richtig! Und genau das ist nicht so einfach, um nicht zu sagen, es ist sehr schwierig. Doch das bedeutet jetzt nicht, dass ich erst einmal lernen muss, wie ich denken sollte, das kann ich schon. Nur habe ich es sozusagen eingesperrt, ich habe ihm enge Grenzen gesetzt. Oder, wenn Ihnen das besser gefällt, ich habe es an die Leine gelegt und lasse es nicht herumrennen, wie es (aber ich nicht) will.

Wie aber bekomme ich das hin? Eigentlich leicht zu erklären. Ich brauche nur so tun, als sei ein Begriff Wirklichkeit und keine Funktion. Der Begriff ‚Auto‘ ist nicht das tatsächliche Auto, das ich damit meine. Und wenn ich von Intelligenz, Bewusstsein oder ähnliche Begriffe spreche, dann sagen diese Begriffe nichts über das scheinbar Bezeichnete aus.

Wir meinen zwar, Intelligenz messen zu können, doch was es tatsächlich ist, das wissen wir nicht. Und auch was Bewusstsein ist, wissen wir nicht. Bei eher materiellen Dingen wie einem Auto beschreibt der Begriff nicht, was ich jeweils darunter verstehen.

Jede Erkenntnis beruht im Grunde auf menschlichen Abstraktionen in Form von begrifflicher Gleichsetzung. Alles streng logische Denken ist nur auf abstrakte Objekte anwendbar. Sinnliche Erfahrungen sind primär wortlos. Sensa sind stumm. In den Wörtern aber ist das Sinnliche abgestreift.

Wenn wir etwas beschreiben, bezeichnen wir nicht unsere Empfindungen, sondern wir passen unsere Empfindungen den abstrakten Symbolen an. Das bedeutet, dass, wenn wir uns unterhalten, unterhalten wir uns über Fiktionen.

Fiktionen sind  von Nutzen, solange sie als solche genommen werden. Dann sind sie einfache Möglichkeiten, die Welt in einer Weise darzustellen, über die wir uns einig sind, damit wir zusammenarbeiten können, ob wir uns über Meter und  Stunden, Zahlen und Worte sowie mathematische Systeme und  Sprachen einigen.

Bestünde keine Einigung über die Maße von Raum und Zeit, dann hätte ich keine Möglichkeit, mich mit jemandem an der Kreuzung Wilhelmstraße/Friedrichstraße am Sonntag, den 4. April um 3 Uhr nachmittags zu treffen.“

So beschreibt Alan Watts das in dem Buch „Die Illusion des Ich“. Und genau so nehmen wir unser Denken an die Leine, indem wir Begriffen Wirklichkeit zugestehen, die sie aber nicht haben. Dadurch werden Begriff ‚handhabbar‘, als sei das, was sie symbolisieren, wie etwas  Mechanisches handhabbar.

Nichts anderes sagt Erwin Schrödinger von seiner naturwissenschaftlichen Warte aus: „Der Grund dafür, daß unser fühlendes, wahrnehmendes und denkendes Ich in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild nirgends auftritt, kann leicht in fünf Worten ausgedrückt werden: Es ist selbst dieses Weltbild.

Es ist mit dem Ganzen identisch und kann deshalb nicht als ein Teil darin enthalten sein. Bewusstsein gibt es seiner Natur nach nur in der Einzahl. Ich möchte sagen: die Gesamtzahl aller ‚Bewusstheiten’ ist immer bloß ‚eins‘.“

Diese Gedanken bringen mich unmittelbar zur Lösung: Ich darf einfach nicht in Begriffen denken. Das ist relativ leicht zu verstehen. Die Herausforderung ist nur, die bisherige Art des Denkens aus meinem Gehirn heraus zu bekommen, dass Begriffe real sind. Also aus meinen Denkprozessen. Ich muss die Dinge erfahren, nicht über sie reden. Und wenn ich über sie rede, muss ich es trotzdem noch erfahren.

Denn nur im Erfahren denke ich wirklich – ohne Worte.

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein