Denken

Etwas zu wissen entbindet mich nicht, selbst zu denken. Über Wissen kann ich mich austauschen, auch über Texte. Doch was der andere dabei empfindet, werde ich nie wissen, denn dafür müsste ich der andere sein können. Etwas zu wissen oder gelesen und auch verstanden zu haben bedeutet noch lange nicht, dass ich es auch begriffen hätte.

Die Gefahr dabei ist, wenn ich mich auf Wissen oder einen Text beschränke, dass ich, wie Immanuel Kant es einmal ausgedrückt hat, unmündig bleibe. „Habe ich ein Buch“, sagt er, „das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt … usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Man kann das auch auf jedes Gespräch und jeden Film übertragen. Wenn ich nicht selbst denke, was etwas ganz anderes ist als eine Meinung dazu zu haben, dann sind es nur soziale Geräusche, eine belanglose Unterhaltung, die mich nur davon ablenken soll, wie ich tatsächlich empfinde.

Vielleicht der Grund, weshalb ich lieber selbst schreibe als fremde Texte zu lesen. Am liebsten sind mir ernsthafte Gespräche; Gespräche, in denen man bereit ist, etwas von sich zu offenbaren, bereit ist, ehrlich zu sein.

Nichts gegen gute Gedanken, doch denken muss ich schon selbst.