Dynamik

Was hat mehr Energie, die Analyse oder die Untersuchung der Ursachen? Das kann man kaum unterscheiden, beides kann sehr energetisch sein. Nur im ersten Fall ist die Energie meist destruktiv, im zweiten Fall hingegen konstruktiv.

Die Analyse bietet, wenn überhaupt, nur vordergründige Lösungen. Allein mit der Untersuchung der Ursachen kann ich einer Lösung näher kommen. Das ‚Problem‘ damit ist nur, dass Lösungen selten offensichtlich sind; Analysen hingegen sind in der Regel klar und eindeutig.

In dem Rechtssystem geht es nur um Analysen und deren Rechtsfolgen. Aus genau diesem Grund sind ‚Recht‘ und ‚Gerechtigkeit‘ auch zwei unterschiedliche Begriffe. Wie im Rechtssystem brauchen Analysen nur einige wenige, klare Begriffe: Wenn, dann, und. Das Ergebnis einer solchen Analyse ist eindeutig, ist richtig oder falsch; schuldig, unschuldig oder Freispruch mangels Beweisen.

Ein ganz klar mechanischer Vorgang. Gerade ist ja der Wahlkampf der Bundestagswahl 2021 im Gange. Da wird beispielsweise viel über Renten und Löhne diskutiert. Die Analysen sind klar und eindeutig. Und auch die Antworten darauf: Entweder man regelt das durch gesetzliche Vorgaben oder überlässt es dem sogenannten freien Markt.

Doch sind das wirklich die Lösungen, die die Menschen weiter bringen könnten? Ich denke nicht, denn die Ursachen sind damit nicht geklärt. Bei den Renten ist es einfach, schaut man einmal genau hin, dann erkennt man, dass die Bedingungen, mit denen das Rentensystem gestartet ist, heute nicht mehr gegeben sind. Die Menschen werden vielfach älter als früher; doch die Erwerbstätigen nehmen nicht im selben Maß zu. Also kann das System ‚Rente‘ nicht mehr gut funktionieren.

So ist es auch mit den Löhnen. Weshalb werden Frauen und Männer unterschiedlich für die gleiche Arbeit entlohnt? Und warum braucht es gesetzlich vergebene Mindestlöhne, damit die Beschäftigten davon leben können? Eigentlich gibt es keinen Grund, außer, dass das System auch hier nicht gut funktioniert. Es gäbe noch eine Menge solcher Beispiele. Doch das beantwortet die Frage nicht, weshalb das so ist.

Die Antwort drauf ist einfach, denn es gibt für solche grundsätzlichen und systemrelevanten Fragen keine einfachen Lösungen; aber auch keine komplizierten, aber komplexe. Und für Antworten auf komplexe Fragestellungen gibt es nun einmal keine Regeln und Muster, an denen man sich orientieren könnte. ‚Komplex‘ bedeutet, dass man zu einer gemeinsamen Antwort im Kommitment finden muss, heißt, man muss (!) miteinander reden.

Die Ursachen von Problemen und schwierigen Situationen zu untersuchen bedeutet zum einen, dass man positive Energie in ein System bringt und es sich weiter entwickeln wird, zum anderen zwingt es die Beteiligten, miteinander zu reden – aber bitte nicht in der Konvention. Und genau darin liegt die Herausforderung. Denn wirklich miteinander zu reden bedeutet im Klartext, sich dialogisch auszutauschen.

Das ist scheinbar für viele Menschen eine echte Herausforderung. Denn das Land der Muster und Regeln zu verlassen bedeutet, sich in jedem Augenblick spontan neu entscheiden zu müssen und eben gerade keinen Rückgriff auf vergangene Erfahrungen zu machen. Dabei ist es nicht schwer, sich immer wieder neu zu entscheiden; es ist hingegen sogar einfacher und leichter.

Vor allem,  man muss sich nicht alles merken, was einmal war. Was das Leben definitiv leichter macht. Und man kann auch aufhören, die Leere (nicht die, die die Buddhisten meinen!) in der Begegnung mit Konversation auszufüllen, weil man sich nichts wirklich zu sagen hat.

Ich glaube, wenn den Menschen bewusst wäre, dass sie dafür auf Dynamik verzichten würde der eine oder andere schon ins Grübeln kommen.

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