Einheit

Die Welt, der Kosmos, ist das in sich differenzierte Eine. So etwa hat es Hans-Peter Dürr einmal genannt. ‚Das in sich differenzierte Eine‚ – da liegt einem auf der Zunge zu fragen, ja was denn jetzt? Differenziert oder eins? Könnte er sich bitte klar für das eine oder das andere entscheiden?

Als ich Physik studierte, hatte ich ziemliche Probleme damit, ganz selbstverständlich mit ∞ zu rechnen. Ich wollte mir ∞ immer vorstellen, das konnte ich aber nicht. Interessant ist ja, dass dahinter möglicherweise ein kulturelles Phänomen steckt. Unsere (westliche) Kultur ist ja stark vom Christentum geprägt. Und die damit einhergehende Denke ‚funktioniert‘ ja auch dann, wenn man der Kirche nicht mehr angehört; die Kultur bleibt ja.

Eine der Grundannahmen ist die Trennung von Geist und Materie. Die Aufklärungsbewegung führte ja zu einer Trennung von Kirche und Vernunft. Diese Trennung scheint sich auch in Emotionen versus Vernunft zu zeigen. Auch Emotionen kann ich nur glauben, aber nicht ‚vernünftig‘ darüber reden. Aktuell erleben wir das ja in den teilweise hochemotional geführten Auseinandersetzungen mit Muslimen.

Eine der Folgen der Trennung von Vernunft und allem anderen ist, dass viele Wissenschaftler ein religiöses Leben führen, das vollkommen losgelöst von ihrem wissenschaftlichen und rationalen Leben ist. Das zeigt sich auch im Verhalten vieler Quantenphysiker, die sich nicht mehr für die fundamentalen Fragen zu interessieren scheinen, die die Quantenphysik aufwirft; ganz einfach, weil diese Fragen den Weg zu Antworten weißen, die unserem geistig-kulturellen Verständnis widersprechen.

Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki wurde Karl Barth, ein protestantischer Theologe, gebeten, mit Physikern über die ethischen Konsequenzen von Atomwaffen zu sprechen, was er jedoch mit der Begründung ablehnte, dass es zwischen seiner Welt und der Welt der Wissenschaftler keine Gemeinsamkeiten gäbe, über die man sprechen könnte. Für ihn war es logisch unmöglich, dass Wissenschaftler etwas über Moralität oder Immoralität der Bombe sagen könnten, auch wenn sie sie gebaut hatten.

Eine Haltung, die auf die gedanklichen Trennung von Glaube und Vernunft zurückzuführen ist. Im ‚Gegenzug‘ betrachten manche Wissenschaftler die Welt als rein materiell. Diese gedankliche Landkarte, die Glaube und Emotionen von der Vernunft trennt, führt zu einer strikten Trennung von persönlicher Wahrnehmung und ‚vernünftiger‘ Reflexion eben dieser Wahrnehmung.

Diese Zweiheit ist etwas ganz anderes als die Aussage von Hans-Peter Dürr, denn es gibt, bildlich gesprochen, keine Brücke, die diese Trennung überwinden könnte. Die Frage ist daher, ob es gelingen kann, diese Trennung durch eine andere Art des Denkens zu überwinden. Und ich finde, das ist möglich. Ganz pragmatisch.

Ich brauche nur die Erkenntnisse der Quantenphysik philosophisch aufzugreifen, ohne jedoch in den Mystizismus abzudriften. Klingt einfach, ist es aber nicht, denn erst muss ich meine alten Denkmodelle abtragen.

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