Einsicht

Einsicht ist die einzige Möglichkeit für mich, anders zu sein. Das hat mit meiner Persönlichkeit zu tun. Als Jurist habe ich diese Tatsache ja immer gut verdrängt, vor allem in Strafverfahren. Da begriff ich im Grunde, dass die Persönlichkeit eines Menschen bestimmt, was er tut. Moralische oder gesellschaftliche Gesetzte wie Regeln ändern daran nichts.

Dann verbirgt der Betreffende seine Persönlichkeit hinter der Maske der Konvention, doch wenn es hart auf hart geht, kommt sie zum Vorschein. Durch Strafe oder logische Erklärung lässt sich die nicht ändernd, nur besser verbergen. Wie sagt doch Jiddu Krishnamurti: ‚Hass kann nur aufhören, wenn Sie ihm Ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, wenn Sie ihn kennen lernen und nicht Wissen darüber anhäufen.‘ Und natürlich erst recht nicht, wenn er geleugnet wird.

Zu meiner Persönlichkeit zu stehen kann sehr, sehr herausfordernd sein. Was ich als moralisch korrekt ansehe, bin ich oft nicht. Entscheidend ist meine innere Moral. Und es ist gut, wenn ich die einmal wahrnehme, denn es ist ein Irrtum zu glauben, dass Moral immer positiv wäre. Sie ist nur notwendig – für mich, um mein Handeln unter Umständen zu legitimieren.

Schon Aristoteles sagte, dass es nicht ausreicht, das Richtige zu tun, um ein moralisches Leben zu führen. Vielmehr gehört auch dazu, einen tugendhaften Charakter auszubilden und somit eine gute Person zu sein. Und für den Verhaltensforscher Frans de Waal, der jahrelang Schimpansen beobachtet hat, steht fest, daß die Säulen unserer Moralfähigkeit – Reziprozität (Fairness) und Empathie (Mitgefühl) – schon bei Tieren vorhanden sind.

Wie sagt doch Cassirer in ‚An Essay On Man’: ‚Die grundlegende Fähigkeit auf sich selbst und andere einzugehen, sich selbst und anderen Antwort zu geben, macht den Menschen zu einer »verantwortlichen« Person, zu einem »responsible being«, einem moralischen Subjekt.

Ethik, also eine Wissenschaft der Moral, haben wir Menschen ganz allein und exklusiv hervorgebracht – zumindest auf diesem Planeten. Kurz gesagt, Ethik ist die Bezeichnung für die philosophische Disziplin, deren Gegenstand die Moral ist, also für Moralphilosophie.

Mit anderen Worten: Wir müssen über Moral nachdenken, die für ein Tier jedoch selbstverständlich ist. Das bedeutet aber auch, dass wir nicht automatisch im Einklang mit der Welt sind. Wobei ich nicht nur die Gesellschaft meine, sondern den Kosmos. Wir können uns auch nur für uns entscheiden, auch wenn das letztlich eine Entscheidung gegen uns selbst ist.

Daher muss ich mich immer fragen, ob ich wirklich im Einklang mit allem bin. Es sagt sich leicht, dass Liebe und Mitgefühl die höchsten Formen von Intelligenz sind. Tiere wissen darum. Die Frage, die ich mir stellen muss ist, ob ich auch so bin – oder habe ich einzelnen Menschen gegenüber noch Vorbehalte? Habe ich also zu meinem Wesen gefunden oder noch nicht? Bin ich noch verblendet?

Das ist die Frage, auf die ich eine ehrliche Antwort finden und geben muss.