Entscheidungsfindung

Was immer passiert, ich selbst entscheide, was ich tue. Ganz klar, es gibt einen freien Willen. Doch ob ich etwas bewussten entscheiden kann, dass ist wohl nicht so. Mir wird es nur hinterher bewusst, wozu ich mich entschieden habe. Freier Wille ja, aber bewusst? Das nicht.

Wenn ich einmal annehme, ich käme so ziemlich als eines der ersten Dinge auf die Welt, vielleicht als Elementarteilchen. Was würde ich dann tun? Nun, ich würde mich in meiner Welt zu orientieren suchen und mit dem, was da ist, interagieren. So wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie das erste Mal mit unbekannten anderen Kindern zusammenkommen.

Erst einmal schauen, was da zu einem passt und dann wird da vielleicht ein Spiel daraus. So etwa stelle ich mir vor was passierte, als sich Wasserstoff- und Sauerstoffatome begegneten. Die Situation passte einfach, so dass sie sich entschlossen haben, was zusammen zu machen, eben etwas, was für sie alleine nicht möglich war. Angefangen hat es genau genommen schon früher, da ‚fanden‘ sich erst einmal die Elementarteilchen zu Atomen zusammen.

Eine Zwischenbemerkung: Dass Elementarteilchen Entscheidungen treffen, das ist wohl so. Muss auch so sein, sonst könnte ich das ja auch nicht, denn schließlich bestehe ich selbst ja auch ‚nur’ aus einer Menge an Elementarteilchen. Und die Elementarteilchen selbst sind irgendwie aus Geist entstanden. Ob auch die Energie ein Geistprodukt ist oder daneben existierte weiß ich nicht, aber ich glaube das eher nicht. Und wo der Raum herkommt, in dem das dann alles anfing zu existieren, das schreibe ich auch dem Geist zu.

Jedenfalls so etwa hat es angefangen. Erst ganz unbedarft, dann aber immer komplexer, denn mit einem Mal waren es ja nicht mehr nur Elementarteilchen, sondern ganz Atome. Und dann immer größer werdende Moleküle bis hin zu großen Gebilden. Erst anorganisch, dann auch noch organisch. Mit anderen Worten: Irgendwie kam irgendwann Leben in die Bude.

Das Prinzip aber war immer das selbe: Suchen, was passt und was draus machen. Und hatten sich zwei Elementarteilchen oder Atome oder Moleküle oder ganze Lebewesen gefunden, ließen sie sich was noch Größeres einfallen. So wie bei Kindern die Sandburgen immer größer und komplexer werden. Das dahinter stehende Prinzip aber ist immer das selbe: Suchen was zusammen geht.

Irgendwann war es wie bei dem Nachbarjungen Henrik. Dem wird aller Voraussicht nach demnächst seine Kommunikationsweisen unbefriedigend erscheinen und er wird lernen, zu sprechen. Einfach um das Spiel besser spielen zu können. Was es dann wahrscheinlich aber auch komplizierter werden lässt – und nicht nur komplexer. Sprache ist nun einmal reduziert, denn die Begriffe beschreiben nur, sie meinen aber nicht. Man muss sich also immer noch was dazu denken. Hören, was jemand gesagt hat, ist das eine, das andere ist, ihn auch noch zu verstehen. Und am besten richtig zu verstehen.

Das ist nämlich gar nicht so einfach. Wenn ich schon mich selbst oft nicht verstehe, wie soll es dann bei einem anderen leichter sein? Das bringt mich zurück zu meinem Thema, der Entscheidungsfindung. Entscheide ich mich für etwas, dann mache ich das nicht bewusst, bewusst wird es mir erst hinterher. Was nicht bedeutet, dass ich wie ein Roboter von außen gesteuert würde. Nein, entscheiden tue ich schon selbst. Nur meine Entscheidungen sind ein höchst komplexer Vorgang.

All das, was seit der Entstehung des Universums gesehen ist, liegt ja auch in mir. Sonst würde ich ja nicht leben können, was mir jedoch nur an der Oberfläche bewusst ist. Aber all meine früheren Erfahrungen und auch die meiner Vorfahren haben mich zu dem werden lassen, der ich heute bin. Was bis zu meiner Zeugung passierte, das kann ich nicht ändern, damit muss ich nun einmal leben. Und auch meine bisheriges Erleben kann ich nicht ändern, allenfalls neu interpretieren. Aber seit über siebzig Jahren treffe ich immer wieder Entscheidungen. Und die lassen mich machen, was ich eben mache.

Aus dem alten Film komme ich also nicht raus, aber ich entscheide, wie es weitergeht. Genau das steckt in dem Spruch, der bei meiner kürzlichen Mopedtour auf der Speisekarte als Spruch des Tages stand: „Chancen präsentieren sich mit Vorliebe in der Maske von Unannehmlichkeiten.“ Ja, so ist es. Oder wie Albrecht Mahr sein Buch betitelt hat: „Von den Illusionen einer unbeschwerten Kindheit und dem Glück, erwachsen zu sein.“

Ja, es ist eine Illusion zu glauben, meine Vorfahren hätten mir kein Erbe hinterlassen, eines, das ich aber nicht ausschlagen kann, selbst wenn ich das wollte. Das kann ich nur verleugnen. Aber das Glück, erwachsen zu sein, das kann ich erfahren. Ganz einfach, in dem ich mich darauf besinne, mich in jedem Moment entscheiden zu können, was ich tue – und nicht an meinen früheren Erfahrungen oder der Geschichte meiner Vorfahren festzuhängen. Denn ich habe einen freien Willen, ich bin nicht fixiert.

Die Herausforderung ist nur zu erkennen, was mich gerade bewegt, mich so und nicht anders zu entscheiden. Es ist nämlich die Frage, ob ich einer sogenannten Best Practice oder stattdessen Prinzipien folge. Eine Best Practice legt mich in meinen Entscheidungen ziemlich fest, Prinzipien eher nicht. Zwar geben mir beide sozusagen vor, was ich tun werde, wozu ich mich also entscheiden werde. Nur bei der Methode ‚Best Practice‘ bewege ich mich eher wie ein Roboter. Ganz anders bei Prinzipien!

Dann, aber nur dann, liegen auch in Unannehmlichkeiten Chancen. Das allein macht mich in meinen Entscheidungen wirklich frei.

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