Erkenntnis

Auch Erkenntnis ‚beginnt‘ ganz trivial damit, was und wie wir denken. Es ist wichtig, die Zusammenhänge zu erkennen. Wir leben aktuell in einer Zeit, in der die Mentalität der Menschen sehr an das Lebensgefühl der ‚goldenen‘ Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnert. Eine Welt in Verunsicherung, aber auch des Aufbruchs. Das ist die Welt im Jahr 2021.

Was also brauchen wir aktuell? Eine Antwort findet sich für mich in der Erkenntnis, dass nicht das, was wir tun, ein Problem für uns sein kann, sondern wie wir die Entscheidung treffen, was wir tun werden oder wollen, wie wir also über die Dinge denken und wie wir uns dementsprechend verhalten.

Es sind die die unwichtig erscheinenden Dinge, an denen man das sehr gut erkennen kann, da sind wir eher bereit einmal hinzuschauen als bei Fragen, die ans Eingemachte gehen. Wie ich mich auf die Dinge beziehe entscheidet nämlich, was ich tun werde. Ohne Ausnahme. Diese innere Haltung kann ich beeinflussen und auch wie ich denke, kann ich schulen, doch was ich denke und was ich demzufolge tun werde, ist eine Folge meines Denkens und meiner Haltung und eben keine bewusste Entscheidung.

Wenn mir etwas bewusst ist, weiß ich das, doch das bedeutet nicht, dass ich mich bewusst darüber entscheiden könnte, wozu ich mich entscheide. Es ist eine Illusion zu glauben, dass ich mich in einer konkreten Situation ’so oder anders‘ entscheiden könnte. Das habe ich lange vorher durch die Ethik entschieden, der ich folge und durch die Art, in der ich mich zu denken geschult habe. Die Struktur meines Denkens – nicht die Inhalte! – kann ich beeinflussen, denn die Inhalte meines Denkens und damit auch mein Tun wird durch genau diese Struktur hervorgerufen.

Frage ich mich, was etwa Dietrich Bonhoeffer ganz anders als einem Nationalsozialisten denken lies, dann liegt der tatsächliche Unterschied nicht in dem Gedachten, Gesagten und auch nicht in den Taten, sondern ist viel früher zu verorten, nämlich in der Struktur des Denkens. Das macht den Unterschied, das Gedachte ist nur eine Folge davon.

Es ist gerade nicht so, wie Ferdinand von Schirach in einem Interview sagt, dass die ‚Umstände die Taten gebiert, die ein Mensch tut.‘ Das ist nur die halbe Wahrheit, und damit die falsche. Die ganze Wahrheit ist nämlich, dass meine Haltung und vor allem meine Fähigkeit zu erkennen, was wirklich ist, ganz klar entscheiden, was ich tun werde – und was nicht; wie ich also auf die Umstände reagieren werde.

Meine Fähigkeit zu erkennen, was (für mich) wirklich ist und wie deckungsgleich das mit der tatsächlichen Wirklichkeit ist, das ist selbstverständlich eine Frage meines Wissens; doch was ich wiederum weiß liegt daran, was ich als Wissen überhaupt anzuerkennen bereit bin und wie ich Wirklichkeit überhaupt zu erfassen such(t)e. Lasse ich mich beispielsweise von emotionalen Empfindungen oder von rationalen Überlegungen leiten?

Léon Blum hat die wichtige Frage gestellt, wieso die menschliche Rasse nicht auch fähig sein sollte, eine Welt der Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und des Friedens zu schaffen, wenn sie doch weise genug ist, um Wissenschaft und Kunst zu schaffen. Die Frage also, ob ich mit meinem Denken und meinen Taten helfe, eine Welt der Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und des Friedens zu schaffen, beantwortet sich nur vordergründig durch das von mir bewusst gedachte; tatsächlich liegt die Entscheidung dazu in dem mir nicht Bewussten.

Dass mir das nicht bewusst ist bedeutet jedoch nicht, dass ich es nicht gestalten könnte. Nur eben nicht spontan.

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