Fakten

Ignorierte oder nicht gesehene Fakten sind die größten Fallstricke im Denken überhaupt.

Das, was wir für Wirklichkeit denken erkannt zu haben, ist die Grundlage für unser philosophisches Weltbild (wozu ich auch Pragmatismus wie Mystizismus zähle), auf dem dann unser Wertesystem aufbaut. Wie sagt doch Karl Jaspers? „Jeder Mensch ist als Mensch ein Philosoph.“ Wirklich jeder, und das darf man nicht übersehen.

Werden die diesem Weltbild zugrundeliegenden Fakten in Frage gestellt, stellt das also erst einmal nicht die Fakten, von denen wir ausgehen, sondern unsere Werte in Frage. Also meine. Und wer will sich seine Werte schon gerne in Frage stellen lassen, sind die doch zentral für das eigene Selbstbild und Selbstverständnis.

Es sei denn natürlich, man erhebt das Untersuchen der Wirklichkeit zum Prinzip. Dann kommt man ganz schnell zu der Überlegung, dass man sich selbst aus der Wirklichkeit nicht herausnehmen kann, so als könnten wir die Wirklichkeit unabhängig von uns selbst beobachten. Erwin Schrödinger hat es so formuliert:

Der Grund dafür, daß unser fühlendes wahrnehmendes und denkendes Ich in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild nirgends auftritt, kann leicht in fünf Worten ausgedrückt werden: Es ist selbst dieses Weltbild. Es ist mit dem Ganzen identisch und kann deshalb nicht als ein Teil darin enthalten sein.“

Seit uns das Phänomen des Doppelspaltversuchs bewusst geworden ist, wissen wir, dass die Photonen mit der Messung in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt treten. Es ist also nicht ‚der Beobachter‘ oder ‚sein Bewusstsein‘, was die Dekohärenz auslöst, sondern etwas anderes. Und das ist vielleicht etwas viel Grundsätzlicheres. Max Planck nennt es ‚Geist‘ – was immer das ist: „Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das Reale, Wahre, Wirkliche – denn die Materie bestünde ohne den Geist überhaupt nicht, sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre!

Wir müssen also davon ausgehen, dass Naturwissenschaft nicht die Beschreibung der Natur ist, sondern nur beschreibt, was wir sehen, wenn wir Fragen an die Natur haben. Damit ist die Vorstellung der idealisierten Objektivität, von der die klassische Physik bisher ausgegangen war, obsolet.

Alles, was wir denken, tun und forschen, spielt sich in einem Bewusstsein ab. Und das trifft auf alles zu. Was hier ins Wanken kommt, ist die Ontologie. Wir können nicht mehr von Seiendem, von Dingen und Objekten reden, sondern von Wechselwirkung und Beziehung.

Das ist erst einmal ein Fakt, das extrem schwer anzunehmen ist. Machen wir uns jedoch bewusst, dass viele Probleme in der Welt nichts anderes als Unklarheit über Fakten ist, dann wird einem vielleicht bewusst, dass man da anfangen muss, will man seine Probleme lösen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Einstein und Schrödinger daran gescheitert sind, das deterministische Weltbild der klassischen Physik zu retten. Also sollten wir auch davon Abstand nehmen und uns klar werden, was denn jetzt überhaupt wirklich ist. Die Auseinandersetzung der beiden mit Heisenberg und Bohr und deren Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik war übrigens keine, die die Mathematik und Physik der Quantentheorie betraf, sondern deren Interpretation. Die Deutung selbst ist unbestritten.

Sprechen wir also von Fakten, müssen wir erst einmal klarstellen, was für uns überhaupt Fakten sind. Ich möchte wetten, dass viele Menschen darunter etwas ganz anders verstehen als Heisenberg, Bohr, Planck und Pauli, aber auch Einstein und Schrödinger haben gesehen, dass es ganz anders ist. Sonst hätten sie sich ja nicht damit auseinandergesetzt.

Was also ist Fakt? Nichts ist beständig, alles gründet im Geist. Doch wir wissen noch nicht, was das tatsächlich ist und was es bedeutet, gleichwohl müssen wir davon ausgehen. Das ist Fakt.

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