Gedankliche Fallen

Überzeugungen gestalten Wirklichkeit. Das kam mir in den Sinn, als ich dieses Zitat von Alan Watts aus „Die Illusion des Ich“ bei Wilhelm Klingholz las: „Fiktionen sind von Nutzen, solange sie als solche genommen werden. Dann sind sie einfache Möglichkeiten, die Welt in einer Weise ‚darzustellen‘, über die wir uns einig sind, damit wir zusammenarbeiten können, ob wir uns über Meter und Stunden, Zahlen und Worte sowie mathematische Systeme und Sprachen einigen. Bestünde keine Einigung über die Maße von Raum und Zeit, dann hätte ich keine Möglichkeit, mich mit jemandem an der Kreuzung Wilhelmstraße Ecke Friedrichstraße am Sonntag, den 4. April um 3 Uhr nachmittags zu treffen.“

Und so, wie ich mit Worten und Begriffen mit meiner Frau klären kann, was ich heute Abend kochen soll oder mit einem Freund besprechen kann, ob wir heute eine Runde mit dem Motorrad drehen wollen, so kann ich mein Zusammenleben und die Begegnung mit anderen Menschen mit Worten perfekt organisieren. Aber ich darf nicht dem Irrtum verfallen und davon ausgehen, dass Worte das Bezeichnete an sich sind.

Wir verwenden ganz selbstverständlich Worte und wissen eigentlich, dass sie nicht das Ding sind, für das sie stehen. Meine Bitte nach einem Glas Wasser wird ja nicht dadurch entsprochen, dass der andere sagt: „Ich hol dir ein Glas Wasser“, sondern dass er das auch ganz konkret tut. Worte, die letztlich nicht zu einem ihnen entsprechenden Denken und darauf aufbauenden Taten führen, sind genau die gedankliche Falle, in die ich allzu leicht geraten kann und vor der Alan Watts warnt; nämlich immer dann, wenn das verwendete Wort oder der Begriff in kein konkretes Tun mündet.

Was manchmal gar nicht so einfach ist. Nehme ich zum Beispiel Filme wie „Matrix“ oder „Krieg der Sterne“ oder Bücher wie „Schöne neue Welt“, „Fahrenheit 451“ oder eher philosophische Texte wie „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ von Étienne de La Boétie, dann sind die jeweiligen Kernaussagen nicht so einfach umzusetzen wie die Bitte um ein Glas Wasser.

Da kann es dann leicht passieren, dass ich solche Filme, Texte oder Gedanken zwar für richtig halte, ich sie aber nicht gedanklich umsetze und sie nicht zu eigenem Denken wie Überzeugungen und vor allem nicht zu entsprechenden Verhalten führen. Gedanken werden für mich also dann zu gedanklichen Fallen, wenn ich sie nicht in mein Denken und Verhalten integriere. Dann verpuffen sie wirkungslos, sind nur ein Alibimäntelchen, hinter dem ich meine wirklichen, nur leider selten bewussten Absichten wunderbar verbergen kann.