Gedankliche Propriozeption

Wissen, wo ich stehe. Oft habe ich in meinem Leben gedacht, wenn ich nur weiß, was richtig ist, würde das genügen. Doch dieses Leben hat mich immer wieder eines Besseren belehrt. Es genügt nämlich nicht etwas zu wissen, ich muss es auch wirklich tun!

Den Begriff der Propriozeption beziehe ich nicht nur auf körperliche, sondern auch auf geistig-mentale Prozess. Propriozeption kann ich nicht lernen, es ist eine Entscheidung, und zwar eine sehr grundsätzliche. Nur wenn ich mich ohne einen inneren Vorbehalt dafür entschieden habe, werde ich es auch tun.

Propriozeption kann ich in dem Sinn nicht lernen, wie ich eine fremde Sprache lernen kann, sondern ich kann es nur unmittelbar praktizieren. Auch hier werde ich einen (vermeintlichen) Fortschritt feststellen, was jedoch täuscht, es ist nur so, dass ich der Propriozeption entgegenstehende Haltungen aufgebe.

Motorrad zu fahren ist eine sehr gute Gelegenheit, um Propriozeption zu praktizieren. In dem Moment, in dem ich akzeptiert habe, dass ich die Schultern und Arme locker lassen muss, kann ich das praktizieren – vorausgesetzt, ich lasse alte Gewohnheiten sein, die dem entgegenstehen. Ich kann nicht lernen, die Schultern nicht anzuspannen, ich muss es nur tun. Was Selbstüberwindung kostet, wenn meine bisherigen Erfahrungen mir etwas anderes vormachen.

Wie gesagt, ich kann es nicht lernen, ich muss es ganz einfach tun. Und exakt das selbe Thema stellt sich mir auch auf geistig-mentalem Gebiet. So, wie ich meine Bereitschaft zur körperliche Propriozeption unmittelbar erfahren kann, indem ich Motorrad fahre, kann ich das auch auf geistig-mentalem Gebiet.

Ich brauche mich nur konsequent an die Prinzipien des Dialogs von David Bohm wie der Gemeinschaftsbildung von Scott Peck zu halten und mich aus der Konvention zu verabschieden. Dazu muss ich einfach nur akzeptieren, was Nicolaus Gerdes in seinem Beitrag „Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit“ beschreibt – und was einfach nicht zu leugnen ist: die „normale Wirklichkeit“ ist keine Wirklichkeit, sondern eine soziale Konstruktion.

Wer aber die oder der sein will, die sie oder er wirklich ist, der muss sich ganz einfach daran halten und das in ihrem oder seinem Leben konsequent umsetzen. Dazu gehört auch, sich aus der Konvention des Konsums zu verabschieden, wie es Erich Fromm beschreibt – und dem nichts hinzugefügt werden kann und was nicht zu ergänzen ist.

Wie sagt Erich Fromm in „Haben oder Sein“? „Der Charakter des Kindes wird durch den Charakter der Eltern geformt, denen entsprechend das Kind sich entwickelt. Der Charakter der Eltern und ihre Erziehungsmethoden werden ihrerseits durch die Gesellschaftsstruktur ihres Kulturraumes geprägt.“ Und aus genau dieser elterlichen Konvention muss ich bereit sein, mich zu lösen. Dogen beschreibt es in diesem Zitat sehr gut: „Die Arbeit eines Zazen-Menschen besteht darin, das Leben so zu gestalten, dass es seine praktische Funktion erfüllt.

Das bedeutet definitiv nicht, mich an die Gesellschaft anzupassen, sondern genau das Gegenteil: Meinen eigenen Weg jenseits der Konvention zu finden und zu gehen. Und dafür brauche ich fraglos gedankliche Propriozeption, die ich wiederum über Dialog und Gemeinschaft realisieren kann.