Gestaltung

Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich bewusst sind, in welchem Maß sie ihre Wirklichkeit selbst gestalten. Ob auf der biologischen, der sozialen oder der Ebene der Wahrnehmung – was für mich Realität und Wirklichkeit ist, beeinflusse ich maßgeblich selbst.

Konstruktivismus, wohin man schaut. Ein Motorrad ist ein Motorrad – könnte man denken. Ist es aber nicht. Für meinen Freund und Nachbarn ist ein „Motorrad“ eines, das für mich nie eins wäre. Umgekehrt ist es genauso. Wenn er und ich das identische Motorrad sehen, sehen wir auf der Ebene der Empfindung etwas vollkommen Unterschiedliches.

Was ich auch wahrnehme, ich liefere immer (!) zu der optischen Information (zwei Räder mit Motor dazwischen, Sitzen und einem Lenker) eine Empfindung dazu (Ah! Ein Motorrad!), auch bei Dingen, die mir nicht bedeutsam erscheinen. Viel zu schnell sehen ich etwas als unbedeutend an, was es aber nicht ist, einfach weil ich die Empfindung nicht wirklich bewusst wahrnehme, sondern sie wischt unbemerkt vorbei.

Doch sie ist in meinem Bewusstsein, nur eben nicht bemerkt, weil sie für mein Gehirn keiner Beachtung wert zu sein scheint, weil sie selbstverständlich ist. Doch das kann auch etwas sein, was mir nicht egal sein sollte. Etwa, weshalb ich gerade vorhin eine anderes Lied als „Zachor To Remember“ von Giora Feidman hören wollte. Doch etwas heilt mich zurück, also suche ich den Hintergrund des Liedes. „Zachor“ bedeutet übersetzt „Erinnere dich“ und hat eine ganz zentrale Bedeutung im Judentum.

In diesem Moment begriff ich, dass Erinnerung auch für mich eine zentrale Bedeutung hat. Nicht aus ethisch-moralischen Gesichtspunkten, sondern aus ganz pragmatischen. Wenn ich mich nicht konstruktiv mit meiner Vergangenheit auseinandersetze, kann ich mich selbst nicht verstehen, nicht verstehen, wie ich geworden bin, was ich bin.

Weiß ich, dass ich mich letztlich selbst gestalte, dann will ich auch wissen, was dazu geführt hat, wie ich heute bin – und was ich daran ändern kann oder auch sollte.