Handlung

Handlungen geschehen, doch es gibt keinen Handelnden. Das ist nicht nur ein Gedanke aus dem Ch’an, sondern eine Tatsache. Doch das ist nicht so einfach auszudrücken. Wie das oft zu hörende Zitat des Buddha, dass wir sind, was wir denken. Schwupp, ist da ein ‚wir‘ drin. Und schon fange ich an zu überlegen, wie ‚ich‘ den denken soll.

Vielleicht hilft mir ja ein Ausflug in die Quantenphysik weiter. Da heißt es, dass – etwa beim Doppelspaltversuch – bis zum Zeitpunkt der Messung alle Möglichkeiten gleichzeitig existieren. Ein Teilchen befindet sich also bis zur Messung an allen wahrscheinlichen Orten gleichzeitig. Bei der Messung manifestiert sich aus der Vielzahl von Möglichkeiten eine Möglichkeit.

Wenn ich ihm Nachhinein feststelle, dass ich etwas Bestimmtes getan habe, kann ich das exakt feststellen, weil ich es sozusagen gemessen habe. Aber erst danach. Doch warum ich es getan habe, das bleibt oft im Dunkeln, weil ich die Komplexität nicht erfassen kann. So ist es ziemlich logisch, dass ich auf die Toilette gegangen bin, weil ich einen Druck in der Blase verspürt habe. Doch warum ich zu jemandem unfreundlich war, das weiß ich oft nicht, allenfalls habe ich ein paar rationale Erklärungen parat, die aber, wenn ich ehrlich bin, nichts wirklich besagen.

Ich mache diesen Schlenker um deutlich zu machen, dass es im Leben wie in der Physik ist. Was ja auch vollkommen logisch ist, denn das können keine unterschiedlichen Dinge sein. Die klassische Physik beschreibt alles, was messbar ist. Sie beschreibt Dinge, die Fakt sind, die also schon geschehen sind. Aus dem was war, also aus der Vergangenheit, haben wir, jedenfalls die meisten von uns, die Zukunft prognostiziert. Wir haben – Witz komm raus – Rückschlüsse auf Zukünftiges geschlossen.

Die Quantentheorie hingegen beschreibt, was dem Zukünftigen im Hier und Jetzt vorausgeht – und nicht, was zukünftig sein könnte. Sie zeigt keine Fakten auf, sondern nur, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist. Und sie zeigt auf, was das Wahrscheinlichkeitsfeld kollabieren lässt, nämlich eine Messung. Das nimmt uns die allseits geliebte Sicherheit, die Sicherheit zu wissen, was passieren wird.

Wenn ich das bedenke, dann heißt das, dass ich sehr, sehr vorsichtig in der Formulierung meiner Absichten sein muss. Denn eine spezifische Absicht bringt die Wahrscheinlichkeitswelle zum kollabieren, ich bin dann festgelegt. Die Kunst ist es, diese Absicht so zu formulieren, dass ich nicht auf eine spezifische Handlung festgelegt bin. Also beschäftige ich mich nur mit Prinzipien, denn die legen mich in meinen Handlungen nicht fest, die stecken nur einen Rahmen ab, ich aber bleibe handlungsoffen.

Doch was bedingt dann die Handlung, wenn es keinen Handelnden gibt? Ganz einfach: Das, was gerade ist. Zeigt sich auch gut im Denken. Folgt das Denken einer spezifischen Intention, dann ist es festgelegt, dann ist damit auch das ‚Ich‘ geboren; ist es jedoch offen, dann reagiert es auf die Situation und das ‚Ich‘ schläft und träumt vor sich hin.

Natürlich sitze ich nicht herum und tue nichts, sondern ich handle, im Grunde permanent. Doch habe ich dabei keine spezifische Absicht, dann setzte ich einen Fakt, etwa indem ich einen Satz schreibe, doch ich (?) bin im selben Augenblick wieder offen für das, was ist, also die Situation.

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