‚Ich‘

‚Was‘ bin ich überhaupt? Die Frage, ‚wer‘ ich bin, lässt sich leicht beantworten; die Einordnungskriterien dafür sind klar. Und auch die Frage, ‚wie‘ ich bin, lässt sich leicht beantworten, auch hier gibt es klare Kriterien, anhand denen ich mich leicht einordnen lasse, genauer mein Verhalten. Dabei ist die erste Frage, wo diese Kriterien überhaupt herkommen. Wer hat das definiert? Und kann ich mir überhaupt sicher sein, dass es auch so ist?

Wenn mich jemand als ärgerlich erlebt, heißt das dann, dass ich auch tatsächlich ärgerlich bin? Ist es nicht nur eine Beschreibung dafür, wie der andere mich erlebt? Aber bin ich auch tatsächlich so? Bin ich exakt das, was ein anderer wahrnimmt? Diese Gedanken gingen mir nach einem Bericht im Fernsehen über das Fressverhalten einer Schlange durch den Kopf. Die könnte in einem bestimmten Tier (den Namen habe ich leider vergessen) eigentlich eine leckere Beute sehen. Das Dumme ist nur, dass sie an dieser Nahrung sterben würde, denn das Tier ist hoch giftig – weil es selbst giftige Käfer frisst. Der eine verträgt es, der andere eben nicht.

Was ich dabei so spannend fand ist die Tatsache, dass die Schlangen das nicht lernen können, den es gibt bei diesem Testessen nur einen Versuch. Woher also wissen sie, dass diese Nahrung absolut unbekömmlich ist? Wo haben sie diese Informationen her? Selbstbezogen, wie ich nun einmal bin, fragte ich mich gleich, was ich von meinen Eltern und Vorfahren so alles übernommen habe, aber ohne dass ich das ‚gelernt‘ hätte. Das würde ja auch bedeutet, dass ich nicht nur hilfreiche Informationen übernommen habe, sondern auch Vorurteile, Abneigungen und falsche Einschätzungen bis hin zu ihrer Auffassung, wie die Welt und natürlich sie selbst vermeintlich sind.

Es ist mir nur nicht bewusst – oder habe ich es nur verdrängt, habe ich gelernt, es nicht zu fühlen, nicht wahrzunehmen? Das kann ich aber wohl nur dann ergründen, wenn ich dem ‚was ich bin‘ auf den Grund gehe. Diese Frage führt mich letztlich zu der Frage, was Materie überhaupt ist, also meine eigene Grundsubstanz. Eine Frage, die die Quantenphysik sehr beschäftigt, vornehm ausgedrückt; aber nicht nur die, sondern auch die Buddhisten.

Das für mich interessante ist, dass beide das subjektive Element gerade nicht ausblenden. Buddhisten etwa sprechen von acht Elementarteilchen – Erde, Wasser, Feuer und Luft – und vier sogenannten Derivativen, die visuelle Form, die taktile Form, Geruch und Geschmack. Wobei mir hier das Akustische fehlt. Bei den Physikern sind es die teilweise vergänglichen Elementarteilchen – und der sogenannte Beobachter.

Was ich als sehr beständig wahrnehme, ist also nach diesen beiden Ansichten alles andere als etwas Manifestes, nichts Dauerhaftes. Tatsächlich ist es ein nie endender Prozess, dessen ‚Bewegungen‘ im Ganzen für mich nur sehr schwer wahrnehmbar sind. Die Zeiträume, in denen sich der Prozess zeigt, sind teilweise so lange, dass ich es einfach nicht registriere, nicht wahrnehme. Aber ich kann mir dessen bewusst sein.

Frage ich mich also, ‚was‘ ich bin, muss ich den Elementen soweit wie irgend möglich auf den Grund gehen, denn nur das lässt mich verstehen, was ich bin; das wie und wer beantwortet mir diese Fragen nicht. Die Antworten auf die Frage nach dem, ‚wer‘ ich bin, bleibt auf einer formellen Ebene stehen und die Frage danach, ‚wie‘ ich bin, ist keine objektive Feststellung, sondern subjektiv, und das für beide Seiten der Wahrnehmung. Ich erlebe mich selbst subjektiv, der, der mich wahrnimmt, auch. Was oft nicht zusammenpasst.

Das wird auch so bleiben, solange wir uns als getrennt von einander erleben. Die Tür zur wirklichen Erfahrung des anderen ist mir solange verschlossen, solange ich die Dinge als getrennt ansehe. Solange ich das tue, ignoriere ich die Tatsache, dass ich alleine den Dingen Eigenschaften zuordne. Die sind, wie auch meine Erfahrungen, nur sekundär und derivativ. Also nichts Beständiges.

Nur ohne mich und mein Erleben (mal angenommen, ich wäre allein auf der Welt) haben die Dinge keine Eigenschaften. Ich, also meine Wahrnehmung, mein Geist und der Schrank, den ich sehe, sind also tatsächlich eins. Was die Frage wiederum aufwirft, ob der Schrank nichts wahrnimmt, denn er besteht wie ich aus Materie. Aber da wird es wirklich mystisch, also lasse ich das einmal stehen.

Gehe ich davon aus, dass ich selbst nicht festgelegt bin, sondern so bin, wie ich mich selbst sehe (und natürlich, wie andere mich sehen – und nicht erleben – aber wohl anders!), dann bin ich offen, auch ganz anders sein zu können. Mir stellt sich da die Frage ganz neu, ‚wie‘ ich bin, denn dann ist es meine eigene Entscheidung und nichts (vor-) gegebenes. Nur muss ich mir im Klaren darüber sein, dass das nur für mich selbst so ist, ein anderer kann mich ganz anders erleben. Was wiederum verlangt, dass man darüber redet, dabei aber keine Konversation betreibt.

Es ist also eine Sache, festzustellen, ‚was‘ ich bin, doch ‚wer’ und ‚wie‘ ich bin, dass kann ich nur mit den anderen gemeinsam klären. Das ‚was‘ ist ziemlich leblos, vollkommen neutral, Quantenpampe, wie ich immer sage. Dieses ‚gemeinsam klären‘ bedeutet, dass sich mein Geist und der des anderen miteinander austauschen, nicht über das, was ist, sondern das, was sie erleben.

Mir alleine die Frage nach mir selbst zu stellen ist also müßig, denn nur durch ein Gegenüber wird das ‚Ich‘ erfahrbar. Ohne philosophische Überlegungen komme ich da nicht weiter. „Ich und Du“ ist der Schlüssel zu vielen philosophischen Überlegungen, etwa denen Martin Bubers. Seine Erkenntnis ist einfach: Im Anfang steht die Beziehung, und die ist Gegenseitigkeit. Was geschieht, geschieht zwischen einem ‚Ich‘ und einem ‚Du‘.

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