Kommunikationswege

Was haben Instinkt, Intuition und Empfindung mit Verstand und Recht zu tun? Mehr, als man vielleicht denken mag!

Kürzlich habe ich einen Artikel über pandemiebedingte Freiheitseinschränkungen zulasten von Kindern und Jugendlichen von zwei Juristinnen gelesen, die deren Ansicht nach nicht mehr zulässig sind. Eine Nachbarin kommentierte das so: „Wie ich es verstehe, geht es darum, dass die Begründung für Einschränkungen durch die Impfung der Erwachsenen nicht mehr besteht. Die, die geschützt werden sollten, sind jetzt geschützt.

So versteht sie das, doch das hat nichts mit Verstand zu tun. Denn wirklich ‚verstehen’ können wir nur das, was wir auch empfinden und was wir nicht nur mit dem Verstand nachvollziehen können. Wir sitzen hier leider allzu schnell einer sprachlichen Verwirrung auf, denn etwas ‚zu verstehen‘ hat nichts mit dem Verstand zu tun. Etwas ‚verstehen‘ tue ich erst dann, wenn ich es empfinde und eben nicht mehr darüber nachdenke.

Wenn ich mit meinem Verstand arbeite, denke ich über etwas nach. Das brauche ich auch, will ich etwas kommunizieren. Die mit den Worten verwendeten Begriffe habe ja sehr viel mit Denken zu tun. Das wirkliche Verstehen hingegen hat etwas mit denken durch NichtDenken zu tun – ein gewaltiger Unterschied!

Das bedeutet, wenn ich etwas ‚begriffen‘ habe, stelle ich das bewusste Nachdenken darüber ein. Was übrigens absolut nicht bedeutet, dass es auch korrekt ist, was ich empfinde! Wenn ich etwas beispielsweise als gerecht empfinde, dann entspringt das zwar meinem Instinkt, doch ob der auch der Situation angemessen ist, das ist eine ganz andere Frage.

Eine solche Frage aber kann ich nur mit dem Verstand klären. Das hat was mit bewusst und unbewusst sein zu tun. Es ist ja nicht so, dass ich das mir Bewusste tun würde, es ist genau umgekehrt – ich tue ausschließlich das mir nicht Bewusste; es sei denn, ich werde gezwungen und handle wider meine innerste Einstellung.

Meine innerste Einstellung, die sich in meinen Handlungen und in meiner Art zu leben zeigt ist also unbewusst, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht empfinden würde! Aber sie ist sozusagen wortlos, also nicht bewusst. Den (bewussten) Verstand benutze ich demnach dazu, meine Einstellungen entweder zu kommunizieren oder zu reflektieren.

Komme ich dabei zu der Feststellung, dass meine Einstellung nicht so ist, wie ich sie gerne hätte – was ja vorkommen soll – brauche ich eine Strategie, um dieses Bewusstsein in mein Unterbewusstsein zu integrieren. Aber das ist ein anderes Thema. Doch was hat dies mit dem Recht zu tun?

Mit dem Recht kommuniziere ich, wie sich eine Gemeinschaft organisiert, wie sich also der Instinkt und die Empfindungen des Einzelnen mit denen der anderen in Einklang bringen lässt. Stimmen die Einzelnen beispielsweise in ihren Empfindungen gerade nicht überein, muss man die dialogisch (!) darstellen, also gerade nicht in der Diskussion oder dem Disput! Erst wenn man (hoffentlich) einen Empfindungskonsens gefunden hat, kann man die Rechtsfragen, also die Kodierung dieses Konsenses diskutieren.

Im Dialog wird das Unbewusste sichtbar gemacht, in der Diskussion können dann die sich daraus ergebenden Konsequenzen geklärt werden – aber eben nicht umgekehrt. Im Gespräch mit anderen muss ich mir also darüber im Klaren sein, wo ich ich bewege und worüber ich rede. Rede ich über meine Empfindungen, dann ist der Dialog die richtige Wahl, rede ich über die sich ergebenden Konsequenzen, dann ist die Diskussion die richtige Wahl.

Was natürlich voraussetzt, dass ich erst einmal im Dialog oder aufgrund eines Dialoges einen Konsens gefunden habe muss. Dann kann ich darüber diskutieren. Aber erst dann.

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