Komplexität

Die Welt ist nicht komplex geworden; das war sie schon immer. Nur verlangt unsere ‚Lebensgestaltung’ zunehmend, dass ich auch komplex zu denken lerne. Vor allem auch dann, wenn ich andere verstehen will – und mich selbst.

Das ist das eigentliche Problem. Wir denken nicht im erforderlichen Maß komplex, doch das müssen wir, wollen wie uns selbst und andere verstehen. Wieviel leichter erscheint es uns oft, über andere zu urteilen, statt uns zu fragen, welche Geschichte der Andere erlebt hat, die ihn so hat werden lassen.

Ich lese gerade in dem Buch „Weil der Krieg unsere Seelen frisst“ von Hilke Lorenz. Darin ist die Geschichte von Michael Haarer, der wahrnimmt, wie die Geschichte seiner Großmutter Johanna auf ungute Weise in ihm weiterwirkt; obwohl er ganz anders sein will. Hier zeigt sich mal wieder, dass wir das Nicht-Bewusste einfach nicht kontrollieren können. Wie auch, dafür müsste es uns ja bewusst sein.

Und das betrifft wirklich jeden. Doch wir sind uns selten bewusst, wie die Geschichte der Eltern und Großeltern in uns (fort-) wirkt. Und selbst, wenn ich um diese Dynamik weiß, bedeutet das noch lange nicht, dass ich angemessen reagieren könnte. Ganz einfach, weil es mir eben nicht bewusst ist!

Ich weiß heute, dass ich immer anders als meine Eltern sein wollte. Doch war ich das wirklich? Dazu müsste ich wissen, was mir früher und auch vielleicht heute noch nicht bewusst war beziehungsweise ist. Das weiß ich aber nicht. Und werde es auch nie wissen. Ein Dilemma, das wir gerne ignorieren, denn es macht uns hilflos. Jedenfalls mich.

Doch wie komme ich aus diesem Dilemma heraus? Wenn es also letztlich um Unbewusstes geht, dann können die üblichen Strategien nicht ‚funktionieren‘, die ich im NLP, im Coaching und in der Mediation gelernt habe, setzen die doch alle bewusstes Handeln voraus.

Wie aber kann ich verhindern, dass mir das NichtBewusste nicht immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht? Ich glaube, es ist ganz einfach, auch wenn es vielleicht schwierig ist, das zu tun: Ich muss jegliches Bedürfnis nach Kontrolle aufgeben, vor allem in Beziehungen. Also keine Urteile mehr, keine Bewertungen. Das ist komplexes Denken. Denken durch NichtDenken.

Das wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung.

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