Konvention

Wie will ich leben? Sicher nicht in der Konvention! Das erklärt sich für mein Verständnis leicht. Man braucht nur dem Begriff und was er für das eigene Leben bedeutet einmal wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Antonym für Konvention ist ‚Vereinbarung, Übereinkommen, Einigung, Abkommen oder Abmachung‘; das Synonym ist ‚Usus, Gewohnheit, Regel, Sitte, Brauch oder Gepflogenheit‘. Schwer vorstellbar, das jemand bewusst in der Konvention leben will, macht man sich die Bedeutung des Gegenteils bewusst.

Was ein Leben in der Konvention bedeutet, hat Scott Peck in seinen Texten über Gemeinschaftsbildung wunderbar auf den Punkt gebracht: „Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“ Das ist das Eine, das andere ist, dass für viele Menschen nur so das Leben lebenswert erscheint.

Doch warum verhalten sich die Menschen wie auf einer Dinnerparty? Warum tun sie so, als seien sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte?

Der Nutzen der Konvention ist ganz offensichtlich, dass man sich damit problemlos an den Commonsense halten und in gesellschaftlichen Begegnungen nicht anecken kann. Doch ist man sich bewusst, was ‚Konvention‘ für uns bedeutet, dann kann man schon ins Grübeln kommen.

Peter Berger und Thomas Luckmann haben beschrieben, dass unsere gesamte Sicht der Wirklichkeit ‐ all das, was wir üblicherweise in ganz unbefangener Selbstverständlichkeit als objektive Wirklichkeit der Welt, der anderen Menschen und des eigenen Selbst wahrnehmen ‐, nichts anderes ist als eine gesellschaftliche Konstruktion und nicht etwa eine Naturtatsache. Mit anderen Worten:

Unser alltägliches Wirklichkeitsverständnis ist ein bestimmtes, sozial erzeugtes und abgesichertes Bild der Wirklichkeit, das auch ganz anders aussehen könnte und auch das, was wir für unsere eigene persönliche Identität, unser „Ich“ also, halten, ist eine soziale Konstruktion: Ein von anderen erzeugtes ‐ und von uns übernommenes ‐ Bild des eigenen Wesens.

In den Bildern der Welt und des eigenen Selbst sind wir alltäglicher Weise so befangen, dass wir diese sozial vorfabrizierten Bilder der Wirklichkeit für die Wirklichkeit selbst halten. Und um diese Illusion zu erhalten, ‚brauchen‘ wir die Konvention, damit die Illusion nicht offensichtlich wird und wir alle weiter so tun können, als wäre alles in Ordnung.

Wenn ich mich also frage, wie ich leben will, dann sicher nicht in und mit der Konvention.