Kultur

Wie ich lebe, ist eine Frage meiner Kultur. Und auch, wie ich leben kann und vielleicht leben werde! Auf die Bedeutung ‚meiner‘ Kultur kam ich, als ich darüber nachdachte, wie ich mich anders verhalten kann. Konkret ging es darum, wie ich meine Erkenntnisse, die ich mit der Zeit über die philosophische Betrachtung der Quantenphysik wie des Zen gewonnen habe auch wirklich leben kann.

Die Frage war: Wie gehe ich damit um, dass ich ganz anders denke als die meisten? Und das konsequent, immer. Denn bin ich nicht konsequent, ergeht es mir wie Sisyphus, der auch nicht an sein eigentliches Ziel kommt und immer wieder von vorne anfangen muss.

Über eines war ich mir im Klaren: Alleine durch vollkommene Konsequenz komme ich dorthin, wo ich hin will – zu mir selbst. Und eben nicht zu dem, was die anderen gerne hätten. Um meine Überzeugungen zu leben, brauche ich auch nicht in ein Kloster zu gehen, ich muss einfach nur konsequent sein. Das bedeutet, in mich selbst zu vertrauen.

Doch warum ist das so schwierig? Mir wurde klar, dass das daran liegt, weil ‚meine‘ Kultur damit ‚noch‘ nicht im Einklang ist. ‚Meine‘ (Lebens-) Kultur sieht man ja bei allem: Wie ich mich anziehe, wie meine Wohnung aussieht, wie ich rede, auch worüber und so weiter bis zum Aussehen meines Motorrades. All das ist Ausdruck ‚meiner’ Kultur.

Was aber haben die ungeputzten Felgen meines Motorrades damit zu tun, dass ich Schwierigkeiten habe, meine Einsichten wirklich zu leben? Also habe ich mich im Internet auf die Suche gemacht und die Antwort in dem Text ‚Hat der Papst Problemzonen?‘ von Claudia Riedel in Die Zeit vom 30.03.2000 gefunden, genauer in diesem Gedanken: ‚Wenn ich einen Mann mit ungeputzten Schuhen treffe, will ich mir den Rest nicht ausmalen.‘

Es geht jedoch nicht darum, ob ich meine Schuhe putze oder eben nicht, sondern darum, dass das Aussehen oder der Zustand meiner Schuhe mit meiner Emotionalität zu tun hat. So wie meine Schuhe, die Felgen meines Motorrades oder mein Keller aussehen, genau so empfinde ich auch. Was jedoch nicht bedeutet, dass ein anderer wissen könnte, was genau ich fühle. Das weiß ich selbst nicht – aber ich kann es mir bewusst machen. Und zwar, indem ich das überhaupt erst einmal überhaupt wahrnehme.

Nicht wie meine Schuhe aussehen, sondern welche Empfindungen ich unbewusst (!!) damit oder dabei habe. Was aber haben meine Schuhe mit meinem (leider oft noch) konventionellen Verhalten zu tun? Und mit der Tatsache, dass ich immer wieder versuche Dinge auf einen einfachen Nenner zu bringen, statt ihre Komplexität zu wahrzunehmen?

Kürzlich beschäftigte ich mich wieder einmal mit Sunzi und dem ihm zugeschriebenen Text ‚Kunst des Krieges‘. Ich frage mich immer wieder, warum es so schwierig ist, diese Gedanken in meinem Leben schlicht und einfach umzusetzen. Ganze einfach, weil ich die Kultur von Sunzi nicht lebe. Die letztlich methodischen Gedanken haben ohne ihre Basis, also ohne die Kultur, aus der heraus sie gedacht wurden, keinen Sinn.

Vielleicht lässt sich das an dem Beispiel Musik darstellen. Selbst wenn ich die Noten habe und auch gut spielen kann, wird keine gute Musik entstehen, wenn das Instrument verstimmt ist, das ich benutze. Mit anderen Worten: Wenn ich nicht Sunzi leben kann, wenn ich also eine ganz andere Lebenskultur habe, dann hilft mir die ‚Kunst des Krieges’ nicht weiter. Und wenn ich darüberhinaus weiß, dass im Kosmos letztlich alles auf Beziehungen hinausläuft, dann bilden sich in meiner Kultur eins zu eins meine Beziehungseinstellungen ab. Und genau darauf kommt es an.

Genau da kann ich dann auch ansetzen, indem ich in meiner Beziehung zu den Felgen meines Motorrades etwas Grundsätzliches sehe, die Bedeutung erkenne und vielleicht auch ändere. Zumindest ist es mir dann möglich. Dann komme ich wahrscheinlich da hin, wo ich hin will: Zu der Fähigkeit, Komplexität tatsächlich zu leben und nicht nur zu denken.

P.S. Ich habe sie übrigens gleich geputzt. Nicht weiter grübeln, machen.