Lebe ich oder werde ich gelebt?

Selbstverständlich will ich leben und nicht gelebt werden. Doch wenn ich in meinem Leben zurückschaue, dann habe ich mich (scheinbar) leben lassen. Und das eine verdammt lange Zeit. Um diesen Zustand beenden zu können, braucht es meines Erachtens nach drei Dinge: Einsicht, Ausrichtung und Realisation.

Einsicht

Es ist ein bisschen wie bei einem anonymen Alkoholiker. Man muss erkennen, dass man sich selbst dazu entschieden hat, entsprechend zu leben. Das bedeutet, dass man nur selbst es beenden kann. Étienne de La Boétie hat das in seinem Text ‚Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen‘ ausgezeichnet beschrieben.

Man verleiht einem anderen seine eigene Macht, um ihn sich gewogen zu machen und von seiner Macht profitieren zu können. Daher entscheid ich mich, anders zu leben, und zwar authentisch. Ich ermächtige niemanden mehr, indem ich mich entmächtige und unterwerfe.

Ausrichtung

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache, schrieb Ludwig Wittgenstein. Dies ist ein sehr wichtiges Rezept zum phänomenologischen Verständnis dessen, was wir mit Begriffen meinen. Wenn wir verstehen möchten, welche Funktion Werte für den Menschen heute erfüllen, so ist es interessant, wie wir sie kommunizieren.

Der Mensch in unserer Gesellschaft bewegt sich in einem Umfeld , in dem der Wert von Handlungen und Gütern in erster Linie an ihrem Preis bemessen wird – auch er selbst sucht nach seinem „Preis“.

Der Wert von Arbeit, Bildung, Freundschaft, Demokratie oder Toleranz bemisst sich so letztendlich nur mehr an seinem praktischen Nutzen, womit zwangsläufig eine Entfremdung des Menschen zu sich selbst, seiner Umwelt und zu seinen Werten einhergeht. 

Die Werte, an denen ich mich ausrichte, müssen absolut gesetzt sein, statt meinem individuellen Interessen zu dienen und mir zu nutzen. Diese Werte muss ich selbst definieren, indem ich sie aus der Natur ableite und ich muss ihnen meine ganze Lebenspraxis unterwerfen.

Realisation

So, wie mein System sich nicht in Körper und Psyche trennen lässt – außer als gedankliche Konstruktion – genauso kann ich auch mein Denken nicht von meiner Lebensart trennen.

Will ich zu innerer Ruhe, Konzentration und Gelassenheit kommen, muss ich das Außen exakt so gestaltet. Will ich wesentlich denken, muss ich mich auch äußerlich auf das Wesentliche konzentrieren und alles Überflüssige und Unnötige entfernen.

Es ist unbestreitbar, dass ich mit einer visuellen Ordnung vor Augen auch innerlich zur Ruhe komme. Beides bedingt sich.

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