Materie und ‚Ich‘

Materie und ich selbst haben ein identisches Schicksal. Es gibt uns irgendwie überhaupt nicht. Natürlich ist da was, nur je genauer man hinschaut, desto weniger ist da etwas, das man greifen könnte.

Der Unterschied zwischen uns ist, dass dieses Phänomen bei der Materie eher körperlicher und bei mir selbst eher geistiger Art ist. Obwohl, wahrscheinlich kommt mir das nur so vor, als wäre da ein Unterschied. Nur wenn man es nicht so ganz genau wissen will, dann ist Materie eben Materie und ich eben ich. Doch je genauer man es untersucht, desto unfassbarer wird es ganz offensichtlich. Und das gilt für uns beide.

Ich habe dieses Jahr (2021) 50-jähriges Abiturtreffen. Die Beschäftigung damit ist wie eine Reise in die Vergangenheit und gleichzeitig zurück in die Zukunft. Erst einmal reiste ich gedanklich in die Zeit von damals zurück und ich war wieder der Junge, der damals in das Internat kam.

Dann düste ich im Eiltempo 50 Jahre durch mein bisheriges Leben bis zum Zeitpunkt heute. Das wirklich Spannende war, dass mir dabei sehr klar wurde, dass ich ‚irgendwie‘ in allem, was ich tat, immer nur mich selbst zu erkennen suchte. Über meinem Lebenslauf könnte man ein Schild mit der Aufschrift „Wer bin ich?“ hängen.

Nur ging es mir dabei wie Wittgensteins Löwen: Niemand schien mich verstehen zu können. So wie der Löwe, den, so Wittgenstein, wir nicht verstehen könnten, selbst wenn er sprechen würde. Mit anderen Worten: Ich suchte mich durch die zu erkennen, die meine subjektive Perspektive auf die Wirklichkeit überhaupt nicht kennen können, sondern nur ihre und mich daher auch nicht verstehen konnten.

Ich saß in der Falle, denn niemand konnte mich verstehen. Wie auch? Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich selbst zu erkennen, unabhängig von anderen, vor allem von denen, die sich selbst noch nicht erkannt hatten. So geht es übrigens auch der Materie. So wenig ich die Perspektive eines Hundes einnehmen kann, so wenig kann ich auch die Perspektive der Materie, etwa eines Baumes einnehmen.

Also: Ich weiß viel, aber ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wie ein anderer zu sein. Wie sollte da auch ein anderer wissen können, wie ich mich fühle? Und genau deswegen suche ich mich (mittlerweile) selbst zu erkennen. Eines hilft mir dabei, das ist Nachbars Katze. Die hat keine Probleme, sie selbst zu sein. Bewundernswert. Oder meine Enkel, als sie sich noch keine Gedanken darüber machten, wer sie sind.

Also muss ich einfach nur sein. So wie auch Materie und mir keine Gedanken darüber machen, was ich bin. Was für mich als Mensch schwierig ist, denn ich lebe nicht mehr ursprünglich wie die Katze. Wir Menschen haben uns eine eigene Welt geschaffen. Und die verlangt, dass ich mir Gedanken darüber mache, wie ich bin.

Aber nur über das wie, nicht über das was. Mich gibt es tatsächlich nicht, aber wie ich bin, das gibt es sehr wohl. Bisher habe ich das ‚Wie‘ in den Dienst der Suche nach dem ‚Was‘ gestellt. Ein saublöder Fehler. Suche ich mich mit Hilfe der Perspektive eines anderen auf mich zu erkennen, ‚sehe‘ ich nur seine, aber nicht meine Perspektive der Wirklichkeit.

Fazit: 1) Will ich mich selbst erkennen, darf ich andere nicht um ihre Meinung über mich fragen. Allenfalls darf ich mich auf Wissen beziehen, wie etwa die Tatsache, dass niemand die Perspektive eines anderen kennen kann. 2) Da ich aber nicht alleine lebe, muss ich mich mit anderen darüber austauschen und vor allem verständigen, wie wir dieses ‚wir‘ leben wollen.

So macht es übrigens auch Materie. Ein oder zwei Wasserstoffatome sind und bleiben, was sie sind, so wie auch ein Sauerstoffatom immer nur es selbst ist. Doch zusammen sind sie etwas anderes, aber eben nur als Ganzes. Keines der Atome hört auf zu existieren, doch es kommt etwas hinzu. Vielleicht sollten wir deshalb nicht mathematisch logisch denken, dass ein Mensch und ein anderer Mensch ‚nur‘ zwei Menschen ergibt, sondern etwas ganz anderes ist, ohne dabei selbst anders zu sein.

Ich kann mich also auf einen anderen beziehen, aber ich kann ihn nicht erleben. Bin ich mir dessen bewusst, kann ich damit anfangen, Gemeinschaft zu leben, also meine Perspektive mit der eines anderen verschmelzen zu lassen.

Schon interessant, wohin Gedanken einen über ein Klassentreffen bringen können!