„Mein“ Zendō

Ein Zendō ist der Raum, in dem Zen ‚geübt‘ wird. Besser wäre es vielleicht zu sagen, dass in ihm Zen praktiziert wird. Denn Zen kann man nicht üben, man kann es nur leben, also ganz konkret tun. Motorradfahren beispielsweise kann ich üben, ich nehme mein Motorrad und fahre eine Runde mit dem Ziel, meine Fahrweise zu verbessern.

Aber Zen üben? Das würde bedeuten, dass ich in dem Moment, in dem ich das Zendō verlasse, kein Zen mehr praktizieren würde. Genau das aber will ich nicht, denn selbstverständlich will ich Zen in jedem Augenblick praktizieren. Wenn schon, denn schon. Oder nicht?

Daher praktiziere ich im Zendō Zen. Doch wenn ich Zen wirklich praktiziere, dann bedeutet das, dass das Zendō keine besondere Bedeutung mehr für mich haben kann. Das bedeutet, dass auch mein Motorrad ein Zendō sein muss; ich also auch beim Motorradfahren Zen praktiziere. Oder mein Garten, oder der Keller. Oder die Festplatte auf meinem PC. Oder meine Kleidung.

Selbstverständlich auch, wie ich koche. Oder wie ich rede. Oder auch, wie ich schweige. Und selbst dann, wenn ich Musik höre oder fernschaue. Das heißt ja nicht, dass ich mir eine bestimmte Musik anhöre oder nur bestimmte Sendungen sehen würde, nein, das heißt es nicht, Doch es bedeutet, es in der Haltung des Zen zu tun.

Die Zen-Haltung ist etwas ganz anderes als ‚nur‘ die Zazen-Haltung. Das würde ich für – Pardon – Schwachsinn halten. Es geht nicht alleine um meine Haltung bei einer spezifischen Praxis, sondern überhaupt. Wenn ich spazieren gehe oder mit Freunden Kaffee trinke. Da hilft es vielleicht, sich mit den Prinzipien des ursprünglichen Zen, des Chán zu beschäftigen.

Dogen hat oder soll einmal gesagt haben, dass Zen zu studieren bedeute, sich selbst zu studieren. Und sich selbst zu studieren bedeute nichts anderes, als sich selbst zu vergessen. Doch was bedeutet das? Das gilt es zu ergründen. Dabei können mir zwei Dinge helfen. Einmal die Prinzipien des Teeweges, auch ohne Tee:

  • Dieser Moment ist wichtig (Ichi-go ichi-e)
  • Gesagt ist getan
  • Unkompliziertheit
  • Einfachheit
  • Natürlichkeit
  • Stille

Schwieriger zu verstehen sind die Begriffe Symmetrie, Unergründlichkeit, Unbefangenheit, Würde und Symmetrie. Da muss man sich wohl schon gut selbst erkannt haben.

Damit diese eher philosophischen Überlegungen nicht im luftleeren Raum herumflattern, brauchen sie eine tragfähige Basis. Das ist für mich die Beschäftigung mit der Philosophie des Chán – aber nicht nur. Dabei hilft mir die moderne Physik enorm. Schließlich hat die erkannt, dass die Welt und damit die Wirklichkeit im Wesentlichen so ist, wie die Chán-Menschen sich das dachten. Faszinierend.

Also richte ich mein Leben nach den Prinzipien des Chán aus – klar, geordnet, einfach, komplex (was kein Widerspruch ist) und so weiter. Daher gilt für mich: Wenn ich mich entschieden habe, tatsächlich Zen zu leben, dann sollte mein Zendō überall da sein, wo ich bin.