Philosophisches

Was hat Philosophie mit Wirklichkeit zu tun? Manchmal ist es notwendig, mein Leben nicht aus der pragmatischen, sondern unter der philosophischen Perspektive zu betrachten – wenn ich es verstehen will.

Mein Leben ist ja nichts anderes, als die Laune von mehreren Billionen Zellen, für eine Weile ich zu sein. Das darf ich nie vergessen. Es ist wie bei den Gedanken, die Shenxiu auf die Aufforderung von Hongren notierte:

Der Leib ist der Bodhi-Baum
Der Geist ist wie ein klarer stehender Spiegel
Poliere ihn allzeit mit Eifer
Lass keinen Staub daran haften

Sehr pragmatisch und sehr realistisch. Doch was Hui Neng darauf erwiderte, zeigt, dass er eine tiefere Wirklichkeit denken konnte:

Im Grund gibt es keinen Bodhi-Baum
Da ist kein klarer Spiegel auf einem Gestell
Im Ursprung ist da kein Ding
Worauf soll sich Staub legen? 

Was einen natürlich nicht davon entbindet, ab und zu einmal Staub zu wischen. Nur darf einen das nicht dazu verführen zu meinen, der Staub sei die letzte Wirklichkeit. Nur wenn ich das begriffen habe, kann ich sehen und auch tun, was mir möglich ist. Wir nehmen ganz selbstverständlich Dinge als real an, die es jedoch nicht sind.

Dabei ist es die eine Sache, mir darüber Gedanken zu machen, ob ich einmal in der Lage sein werde, Staub mental gar nicht erst entstehen zu lassen. Oder ob ich mir Gedanken darüber mache, ob meine Erkenntnistheorie überhaupt mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Ich habe früher auch ganz selbstverständlich über ‚die Welt‘ gesprochen und mich nie gefragt, ob es die Welt überhaupt geben kann. Das mache ich erst in letzter Zeit.

Real sind nach Ansicht vieler Philosophen nur Entitäten, also existierende, konkrete oder abstrakte Gegenstände, aber nicht ‚die Welt‘, in der sie sich aufhalten bzw. aufzuhalten meinen. ‚Die Welt‘ zerfällt nämlich in epistemologisch verschiedene Welten, die so etwas wie die verschiedenen Perspektiven der einzelnen Entitäten darstellen.

Verwerfe ich also die Möglichkeit, meine Erkenntnistheorie in einer wirklich existierenden Welt zu verankern, dann bleibt mir nur davon auszugehen, dass es zwischen Subjekten und Objekten eine gegenseitige Abhängigkeit gibt. Das muss mein Erkenntnissystem sein! Dann wird die Realität eines Objekts durch seine Erkenntnis und die Erkenntnis durch die Realität des Objekts validiert.

Also sind sie nicht voneinander zu trennen; sie sind absolut miteinander verflochten. Doch um das zu erkennen, muss ich den Dingen wirklich auf den Grund gehen. Falls Sie das gedanklich ein wenig ins Schleudern bringt, machen Sie sich keine Sorgen, auch Einstein hatte damit seine Schwierigkeiten. Nicht ohne Grund fragte er, ob der Mond auch da wäre, wenn keiner hinschaut.

Realität wird jedenfalls nicht dadurch erzeugt, dass alle oder viele daran glauben. Ein Werturteil kann ich mir nur über das bilden, was wirklich ist. So sind viele Aussagen darüber, wer schuld an etwas ist, eine ungültige Aussage über Wirklichkeit – und kein Werturteil. Bevor ich also etwas bewerte, muss ich mich erst einmal fragen, ob ich überhaupt eine korrekte Aussage über die Wirklichkeit mache.

Philosophische Überlegungen brauchen immer eine fundierte Basis. Und das kann nur die Wirklichkeit sein!