Scheitern

Das muss ich mir eingestehen, wenn es zutrifft. Sonst kann ich nicht neu anfangen, sondern bleibe im Alten hängen. Gestern war ich eingeladen, eine Nachbarin hatte Geburtstag. Einer ihrer Bekannten, den ich von früher kannte, fragte mich, was ich den mittlerweile so mache.

Also erzählte ich von den beiden Blogs, auf denen ich gerade unterwegs bin. Im Nachhinein wurde mir bewusst, wie sehr die Themen der beiden Blogs zusammenhängen. Der eine hat das Dritte Reich und die Geschichte meiner Familie zum Thema, der andere beschäftigt sich mit dem, was mir so tagtäglich durch den Kopf geht.

Mir wurde klar, dass sich beide Blogs um etwas Gemeinsames drehen: Das Scheitern unserer sogenannten christlich-abendländischen Kultur. Denn ich halte es nicht für sonderlich christlich, wie mit eigenen Verfehlungen umgegangen wird, die man lieber zu vertuschen sucht, statt sie aufzuklären. Nicht besser finde ich es, wenn Kriegsmaterial gesegnet wird oder Vertreter der Kirchen bei Soldatengelöbnissen mitwirken. Für mich ein Unding.

Imre Kertész, der Autor des Buches ‚Roman eines Schicksallosen‘, hat es mit dieser Aussage auf den Punkt gebracht: ‚Habt ihr bemerkt, dass in diesem Jahrhundert alles eigentlicher wird, sein eigentliches Selbst offenbart?‘, schreibt er. ‚Der Soldat wird zum Berufsmörder, die Politik zum Verbrechen, das Kapital zu einem mit Krematorien ausgerüsteten Menschenvernichtungsbetrieb. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Wahrheit, ohne jeden Zweifel.

Die Wahrheit ist, dass unsere gesellschaftliche Kultur gescheitert ist. Nicht das Christentum, sondern die Gesellschaft, die sich ‚christlich’ nennt und die ihre wahre Kultur dahinter verbirgt. Dabei sagt Kertész nichts anderes als Erich Fromm, dessen Bücher ich als Jugendlicher verschlungen habe, oder Arno Gruen, um nur einen zu nennen. Aber ganz offensichtlich war ich bisher nicht bereit, mir meine Verbundenheit in und mit dieser Kultur einzugestehen.

Es schimpft sich eben leichter über andere, als sich einzugestehen, wie man selbst wirklich denkt. Also bei mir war es definitiv so. Egal um was es geht, ob um das Klima, um Flüchtlinge, um Gleichberechtigung, um Politik, um Wirtschaft oder um Lebensbedingungen – all das hat einen gemeinsamen Grund, eine gemeinsame Ursache:

Unsere Kultur ist am Ende, sie ist ganz einfach gescheitert. Das müssen wir uns, muss ich mir eingestehen, wenn etwas Neues entstehen soll, eine andere Kultur.