Schuld und Unschuld

Von Bert Hellinger kenne ich den Satz ‚unschuldig schuldig werden‘. Ich weiß, dass ich in meinem Leben vieles falsch gemacht habe, aber das ist es nur aus der Rückschau. In dem Moment, in dem ich es tat, war es in meiner Vorstellung absolut notwendig.

Die Frage, ob das jetzt richtig oder falsch ist, was ich da zu tun beabsichtige, stellte sich mir nie wirklich. Auch wenn ich noch überlegte ‚soll ich oder doch lieber nicht‘ war das Ergebnis schon lange festgelegt. Ich handelte fraglos aufgrund meiner Persönlichkeit. Jedenfalls würde das ein Psychologe so sagen.

Persönlichkeit entscheidet eben auch über meine Moral. Was ich lese oder womit ich mich befasse, muss immer erst einmal durch den Filter dieses Konstrukts ‚Persönlichkeit‘. Das stellt die Weichen, nichts anderes. Keine Philosophie, nicht einmal eine spirituelle Ausrichtung ist aus sich heraus ‚gut‘ oder ‚richtig‘.

Unsere Persönlichkeit ist die Form, die die Inhalte generiert, was wir also letztendlich tun. Doch das entschuldigt nicht, was man tut; es ist ja jenseits von Schuld, also kann ich es auch nicht entschuldigen. Doch was bleibt, wenn ich es nicht bewerte?

Es bleibt die Tat, die Handlung, genauso wie das Unrecht oder das Leid, das damit einherging oder geht. Sehen wir Ungereimtheit oder Leid, tendieren wir schnell dazu, den Täter zu verurteilen, doch damit sehen wir nur ihn und nicht das Leid oder die Ungerechtigkeit.

Sichtbar wird oder würde das, wenn beide, Täter und Opfer an einem Tisch säßen. Da habe ich als Dritter nichts zu sagen, vor allem nichts zu bewerten, sondern nur zu sehen, was ist. Was sich aber nur sehr, sehr schwer in Worte fassen lässt, meist überhaupt nicht.

Wenn ich selbst beteiligt bin, muss ich mich mit dem anderen an einen Tisch setzen. Bin ich nicht unmittelbar beteiligt, aber betroffen, weil mir Opfer oder Täter nahe stehen, muss ich – zumindest gedanklich – das gleiche tun: mich mit ihnen an einen Tisch setzen und empfinden, was es zu empfinden gibt.

Nicht reden, nichts tun, nur empfinden.