(Selbst-) Erkenntnis

Dazu brauche ich nichts weiter als einen guten Spiegel. Das genügt vollkommen. Verbunden mit der Bereitschaft, auch hinzuschauen. Ich habe nämlich bemerkt, dass ich leicht über andere urteile, um nicht über mich selbst urteilen zu müssen.

Das bringt mich zu der Frage, was denn dieser Spiegel sein könnte. Als ich den Artikel „Star Wars: Die Welt braucht Jedi-Ritter – Eine neue Hoffnung gegen die dunkle Bedrohung“ von Michael Leitner auf abenteuer philosophie las, wurde mir klar, dass mein ganz normales Leben exakt dieser Spiegel ist.

Zum Verständnis muss ich eins vorausschicken: Ich war kürzlich auf der Website von Gregory Colbert „ashes and snow“ und habe mich gefragt, warum wir im Grunde nicht mehr wirklich miteinander kommunizieren, sondern lieber unsere Ansichten über was auch immer austauschen und es dabei bewenden lassen. Die beiden so unterschiedlich scheinenden Seiten beziehungsweise Themen haben für mich eine klare Verbindung:

Nur wenn ich das Böse im Menschen erforsche, also in mir selbst, kann ich die Form für das Gute entdecken.

Da hilft mir die Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt der Jedi Ritter, denn in diesem Sciencefiction stecken interessante Anspielungen auf die Wirklichkeit unseres Alltags. Die Jedi verfügen über Fähigkeiten, die sie durch die Macht erhalten. Der handlungsbestimmende Konflikt ist der Einsatz wie der Missbrauch dieser Macht durch die Jedi und ihre Antagonisten, die Sith.

Setzt etwa ein Jedi die Macht im Zorn ein – auch im Glauben, dass dies im Rahmen einer guten Sache geschehe – so besteht die Gefahr, dass er auf die dunkle Seite der Macht wechselt und dem Bösen verfällt. Als Anwalt und Politiker befand ich mich immer wieder in ähnlichen Situationen.

Aus genau diesem Grund brauche ich wie ein Jedi zwingend einen Kodex, der mir hilft, im Einklang mit der Macht (dazu gleich mehr) zu leben, sie nicht zu missbrauchen und nicht auf den Pfad der dunklen Seite zu gelangen. Was es bedeutet, auf die dunkle Seite zu kommen, haben wir vor allem im zweiten Weltkrieg erfahren und sehen es tagtäglich in den Nachrichten – die uns jedoch meist nicht wirklich berühren.

Oder wir ignorieren es schlicht und einfach, weil es uns nicht in den Kram passt. Wir wollen viele Dinge, wie sie hergestellt werden, ist uns egal. Viele wollen mit einmal Elektroautos, doch sie ignorieren, wie zurzeit das Kobalt dafür abgebaut wird. Für mich gehört das auch zur (Konsum-) Macht der Industrieländer. Wir nehmen es still und leise hin, dass für unseren Konsum andere ausgebeutet werden.

Die ‚Macht des Geldes‘ ist allgegenwärtig. Und die ist alles andere als friedlich. Wer aber kann von sich behaupten, sich dem zu entziehen? Auch der, der schweigt, muss sich dazu zählen lassen. Nur in sozialen Medien seinen Unmut plakativ kundzutun ist scheinheilig, denn das ändert absolut nichts. Ich muss schon etwas tun. Mir etwa genau überlegen, wie ich meine Rücklagen anlege, statt zu denken, es sei in Ordnung, wenn es alle so tun, wie man mir empfiehlt.

Es gibt aber auch das Machtgebahren an den Ampeln, wo fast selbstverständlich noch ein, zwei Autos bei Rot über die Ampel fahren. Die Macht des Egos; hochgradig destruktiv. Aber das ist nicht alles. Wir haben noch eine weitere Macht, die wir auch nutzen, nur dass sie den wenigsten überhaupt bewusst ist.

Sehr wenige Menschen sind sich darüber im Klaren, dass sie mit dem, wie sie sich verhalten, was sie tun, sagen und auch mit dem, was sie denken, die Wirklichkeit definitiv gestalten. Sie meinen zwar, sie würden die Wirklichkeit ‚nur‘ wahrnehmen, doch tatsächlich gestalten sie sie. Vor allem der Rückkopplungsprozess zwischen dem Beobachter und der von ihm beobachteten, scheinbar von ihm getrennten Natur wird vielfach nicht gesehen.

Wenn ich sage: „Ich kenne Sie“, meine ich damit, dass ich Sie gestern kannte. Ich weiß nicht, wie Sie jetzt sind. Alles, was ich kenne, ist meine Vorstellung von Ihnen. Dieses Bild setzt sich zusammen aus dem, was Sie zu meinem Lob oder meinem Tadel gesagt haben, wie Sie sich mir gegenüber benommen haben. Das Bild ist zusammengestückelt aus alten Erinnerungen an Sie – und Ihr Bild von mir ist auf die gleiche Art entstanden.

Diese bildbedingten Beziehungen hindern uns an einer wirklichen gegenseitigen Verständigung. Eine zentrale Aussage der Quantenphysik ist: Der Mensch (also der Beobachter) nimmt durch seine Beobachtung und Wahrnehmung Einfluss auf die Materie. Und Materie ist quasi alles, woraus physische Körper aufgebaut sind. Also auch ich selbst.

Der Mensch beeinflusst durch seinen Geist, sein Bewusstsein und sein Glaubenssystem die Realität in der er lebt. Das ist keine Esoterik, das wussten auch schon bedeutende Nobelpreisträger, was die vielen Zitate zur Quantenphysik aufzeigen.

Das bedeutet, wir verfügen über die Macht, Wirklichkeit zu gestalten – positiv wie negativ. Beides muss uns bewusst sein. Einmal, dass wir diese Macht haben und darüberhinaus, dass wir damit die Wirklichkeit definieren. Damit beginnt wirkliche Selbsterkenntnis.

„Der Geist baut die reale Außenwelt der Naturphilosophie (wie auch die des Alltags) ausschließlich aus seinem eigenen, das heißt aus geistigem Stoff auf.“
Erwin Schrödinger

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein