Selbstbewusstwerdung

Unsere Selbstbewusstsein kann ein Problem sein – muss es aber nicht. Mit seiner Selbstbewusstwerdung bezog sich der Mensch nicht mehr direkt und unmittelbar auf seine Umwelt, sondern er entwickelte eine Weltsicht. Damit war ein Donner, ein Blitz, ein Unglück oder eine reiche Ernte nicht mehr das, was es seiner Natur nach war – eben Donner, Blitz, Unglück oder reiche Ernte – sondern es kam eine magisch-mystische Bedeutung hinzu im Streben danach, die Welt zu verstehen. Etwas zu verstehen geht leider damit einher, es auch erklären zu können.

Solange man etwas – egal was es ist – nicht verstehen und damit nicht erklären kann, verunsichert das. Da versucht man sich dann mit metaphysischen Wahrheiten weiterzuhelfen. Hat man eine solche, dann hat man auch eine Wahrheit für die eigene Existenz. Das war es, was die Menschen suchten: Sicherheit in der eigenen Existenz, die ihnen in der Selbsterkenntnis verloren gegangen ist.

Mit der Frage: »Wer oder was bin ich überhaupt?« war auch alles andere auf einmal keine Selbstverständlichkeit mehr, kein »Es ist eben so« mehr – die Dinge und Ereignisse im Leben bekamen eine Bedeutung. Und das alles nur, weil Adam sich nicht beherrschen konnte und unbedingt den Apfel essen wollte. Doch statt dass er zu seiner Tat gestanden hätte, schiebt er es auf Eva und auf die Schlange. Und nicht anders sucht der Mensch auch heute noch lieber nach Schuldigen als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Im Alter von 11, 12 Jahren werden aus Kindern jugendliche Männer oder Frauen. Also meistens. Man nennt das dann Pubertät oder auch scherzhaft ‚wenn die Eltern schwierig werden‘. Dabei sind die gar nicht schwierig, sondern die Gesellschaft in der sie meinen, funktionieren müssen. Bei Männern, weniger bei Frauen, kennt man ein vergleichbares Phänomen, da nennt man es dann Midlife-Crisis. Das ist die Zeit, wenn Oma oder Opa oder auch beide wieder verrückte Dinge machen. Beispielsweise Motorrad fahren oder ständig Musik aus ihrer Jugend hören.

Ob es die eigenen Kinder oder der Beruf ist, was die jungen Menschen ‚erwachsen‘ werden lässt, mit der Midlife-Crisis gehen sie scheinbar wieder zurück in diese Zeit, bevor sie sich an Konventionen und das gesellschaftliche System angepasst hatten und versuchen, sich neu oder besser zu orientieren, um endlich so zu leben, wie sie es ‚eigentlich‘ schon immer wollten. Und so wie manche Jugendliche brechen auch manche Omas und Opas aus der Konvention aus und machen nur noch das, was ihren Bedürfnissen entspricht. Endlich, möchte man sagen. Und ich sage das auch, ganz ernsthaft.

Die Frage ist also, wie kann ich so leben, dass es meinen Bedürfnissen entspricht? Was gibt es außer Motorrad zu fahren und Lieder aus den 70ern und 80ern zu hören? Also für mich. Beides ist nur ein Aspekt der Lösung. Ein anderer ist für mich fraglos ‚raus aus der Konvention‘. Doch eine Frage bleibt: ‚Wer oder was bin ich überhaupt?‘ Diese Frage ist weder mit Motorradfahren, noch mit den Liedern der 70er und 80er und auch nicht mit einem Ausstieg aus der Konvention beantwortet, so richtig das auch ist. Bei dem Motorradfahren oder den Liedern gibt es sicherlich unterschiedliche Meinungen, aber nicht bei dem Ausstieg aus der Konvention. Nur ist das keine Frage, denn das konventionelle Leben ist schlicht und einfach falsch.

Weshalb ich das behaupte? Weil dem eine Weltsicht zugrunde liegt, die den mittlerweile gewonnenen Erkenntnissen über die Welt definitiv und nachweislich nicht entspricht. Unsere Weltsicht ist nämlich  das Medium, das die Botschaften generiert, die wir aussenden. Nur ist uns dieser Zusammenhang in der Regel nicht bewusst. Den Satz ‚Das Medium ist die Botschaft‘ von Marshall McLuhan kann man nicht grundsätzlich genug sehen, denn er geht meines Erachtens weit über das Thema ‚Medien‘ hinaus. Wenn ich das erkenne und mich ernsthaft frage, wie die Welt ist, was ja nichts anderes heißt, wie ich die Welt verstehe und wie den Hintergrund definiere, der mich sein lässt, wie ich bin, dann weiß ich endlich, weshalb ich bin, wie ich bin.

Ich brauche also nichts weiter tun, als zu erkennen, wie die Welt wirklich ist – jenseits von metaphysischen oder mythischen Spekulationen – und mein Selbstbewusstsein lässt mich nicht mehr in die falsche Richtung laufen.