Selbstorganisation

Wie kann ich ‚anders‘ denken? Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt. Es ist das eine zu wissen, welche Denkmodelle oder Denkstrukturen mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen, etwas anderes ist es, sie wieder los zu werden, vor allem aber, die besseren, weil stimmigeren, zu installieren.

Und da taucht schon das erste Problem auf. Denn auch ich selbst bin ja ein (meist) ziemlich lebendiges Wesen. Daher gilt auch für mich wie für alles Systeme (Wesen), dass ich mich selbst organisiere. Das darf man nun nicht mit dem Organisieren einer Ablage oder eines Küchenschranks verwechseln.

Mit Selbstorganisation ist ein typischer Prozess gemeint, der bei einzelnen Lebewesen wie auch bei Gruppen von Menschen (Paare, Freunde bis hin zu Firmen) auftritt. Doch diese Selbstorganisation kann nicht, wie der Name ja schon sagt, von einem Dritten initiiert, sie kann nur angeregt werden.

Das oft übersehene ist, dass Selbstorganisation nicht nur bei einzelnen Lebewesen stattfindet, sondern auch bei Gruppen. Gruppen bilden ja auch ein System. Alles beginnt mit Elementarteilchen, die mit der ersten ‚Zusammensetzung‘, etwa der Bildung eines Atoms, schon ein System bilden. Das geht dann weiter so, Moleküle, Organe, Personen (wenn ich einmal Menschen betrachte), Paare, Gruppen, Nationen bis hin zur Menschheit.

Nur weshalb sind meisten Erzählungen, Anpreisungen und ‚Einführungen‘ von Selbstorganisation oft so wirkungslos? Ganz einfach, weil es ihnen es an theoretischem Fundament und an Definition mangelt. Daher stellt sich zuerst einmal die Frage, was Selbstorganisation eigentlich ist. Das wirklich Interessante ist, ist dass es ein quantenmechanischer Prozess ist.

Wohl auch der Grund, weshalb viele Anleitungen nicht ‚wirken‘, einfach deshalb, weil die Betroffenen keine Vorstellung von diesen Prozessen haben – die man sich nämlich nicht vorstellen kann. Aus genau diesem Grund wirken unsere Motivationsstrategien meist nur oberflächlich und für kurze Zeit.

In Anlehnung an die Arbeiten Heinz von Foersters beziehe ich mich auf diese Erklärung: Selbstorganisation ist die Fähigkeit eines Systems, aus sich selbst heraus stabile Muster der Interaktion zu erzeugen. Kein Lebewesen und keine Gruppe von lebendigen Wesen folgt einem linear-kausalen Drehbuch. Dass ‚A‘ immer ‚B‘ nach sich zieht, diese Logik gilt nur für Maschinen, beispielsweise Toaster – um bei Heinz von Foerster zu bleiben.

Der Toaster kann seinen inneren Zustand nicht verändern, jedoch soziale Systeme, also ich oder die Menschen, mit denen ich zusammenlebe, die können das. Aber eben nicht auf Befehl und nicht geplant beziehungsweise gewollt. Doch es gibt schon ein paar Regeln, an die man sich halten muss. Man muss sich darüber klar sein, ob das, was man will, etwa zusammenzuarbeiten, wirklich ernst gemeint ist.

Das bedeutet, es gibt einen konkreten Plan, etwa ein Auto zu kaufen, doch wie das passiert, das ist ein Thema der Selbstorganisation – und die entzieht sich dem bewussten wollen. Man muss also erst einmal probieren, ob es überhaupt ‚geht‘. Was dabei passiert, ist offen; das richtet sich nach den gegebenen Möglichkeiten, also der Haltung und Einstellung der Beteiligten.

So kann ich nicht sagen ‚wir führen jetzt einen Dialog‘, das würde nicht funktionieren, wenn nicht die erforderlichen Grundlagen von allen akzeptiert werden und nicht auch alle dialogbereit sind. Sonst passiert er einfach nicht. Selbstorganisation kann nicht herbeigeführt werden, aber wenn die Bedingungen stimmen, passiert sie.

Was oft übersehen wird ist, dass soziale Systeme selbstorganisiert sind. Ein banales Beispiel: Möchte ich meinen hohen Blutdruck loswerden, muss ich verstehen, dass ich mich selbst zugunsten von etwas anderem regelrecht gefesselt habe. So wie das bei einer Firma Bürokratie, Kontrolle, formale Macht und Vorgaben verschiedenster Art sein können, muss ich die Entsprechungen auf der personalen Ebene suchen.

Dann, und nur dann, gebe ich der Selbstorganisation freien Lauf. Das beziehe ich nicht nur auf meinen Bluthochdruck, sondern auf die Gemeinschaften überhaupt, in denen ich lebe.

Wenn Lebensgemeinschaften Selbstorganisation auslösen (oder befreien) wollen müssen sie lernen, mehr zu kommunizieren, mehr Klarheit haben, wirklich eine Kraft sein. Traditionelle Gemeinschaften, wie beispielsweise buddhistische, funktionieren wegen ihrer klaren Grundregeln oder Prinzipien, dem achtfachen Pfad oder den vier edlen Wahrheiten. Hier trägt diese alte Struktur, der sich alle verpflichtet fühlen.

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