Selbstverständnis

Die Welt zu sehen heißt, über die Wahrnehmung hinaus zu denken. Was ich erlebe, ist nicht die wirkliche Wirklichkeit. Die, die ich scheinbar erleben kann, ist eine Illusion. Dem liegt die eigentliche Wirklichkeit zu Grunde, die schwer zu erkennen ist, denn ich kann sie nur denken.

Doch das bedeutet nicht, dass die erlebbare Wirklichkeit bedeutungslos wäre oder dass ich sie beliebig gestalten könnte. Es gibt in der realen Welt eine Entsprechung in der Illusion. Und umgekehrt.

Solange ich der Selbsttäuschung nicht entsage, erscheint mir die Illusion als Wirklichkeit und die Wirklichkeit als Illusion. Tue ich es hingegen und löse mich aus der Täuschung, dann steht mir der Raum des Möglichen offen.

Wie also muss ich ‚die Welt‘ sehen (nicht wahrnehmen!) und verstehen? Real sind nur Entitäten, also existierende, konkrete oder abstrakte Gegenstände, aber nicht ‚die Welt‘, in der ich mich aufhalte beziehungsweise aufzuhalten glaube.

Die Lösung findet sich an einer vielleicht unerwarteten Stelle: Was haben das Geist-Gehirn-Problem und das Problem der Verschränkung von Quantenteilchen gemeinsam? Beide sind bis heute ungelöst, weil es bei beiden nicht gelingt, zwei verschiedene Dinge unter einen Hut zu bekommen. Hier mentale Zustände und neuronale Vorgänge, dort die Lokalität von Quantenereignissen und deren mikroskopische Realität.

Beides ‚erlebe‘ ich permanent, auch wenn es mir nicht bewusst ist. Und exakt das ist – oder scheint – das Problem zu sein, das mich und andere aktuell umtreibt: Zwei Dinge, die wir nicht unter einen Hut bekommen. Sie sind so, definitiv, aber wir verstehen sie einfach nicht, können sie uns nicht vorstellen. Dabei haben beide Fragen einen direkten Bezug zu mir.

Die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn betrifft mich unmittelbar, genauso wie die Frage der Verschränkung. Seit wir dieses Phänomen kennen, finden wir es auch in lebendigen Organismen. Und vieles, was uns bislang mystisch erschien, ist mit einem Mal nachvollziehbar.

Nur ich verstehe es noch nicht, habe noch keine gedanklichen Repräsentationen dafür. Dabei muss ich dieses ‚Problem‘ nicht lösen, denn es ist kein Problem, sondern nur Ausdruck meines eigenen Unverständnisses. Es ist, wie es ist, nur kapiere ich es eben noch nicht. Nur eine Ahnung.

Dabei wäre das sehr sinnvoll, viellicht auch absolut notwendig, würde sich doch das Repertoire des mir Möglichen drastisch ändern. Es ist vergleichbar mit unserer Alltagswelt. In dem Moment, in dem wir über das Wissen der Quantenphysik verfügten, weitete sich unser Verständnis von der Welt und vieles, was bis dahin undenkbar war, wurde mit einem Mal möglich.

Wir konnten so viele – bis dahin – Geheimnisse der Natur aufdecken. Und so ist es bei uns selbst. Vieles, was bisher undenkbar war, ist es mit einem mal. Ich brauche nichts weiter zu tun, als mich darauf einzulassen.

Die Schwierigkeit ist noch, dass so zu denken für vielen Menschen eher nach Sciencefiction als nach tatsächlicher Realität klingt.