Selbstverständnis

Kann ich mich verstehen, wenn ich die Welt nicht verstehe? Wohl kaum, bin ich doch wie die Welt. Ich organisiere mich letztlich wie jedes Tier und jeder Vogel auch, nur eben mit einer anderen Ausrichtung. Und einen grundlegenden Unterschied zwischen organischer und anorganischer Materie sehe ich auch nicht, könnte ich doch ohne anorganische Stoffe nicht lebendig sein.

Ob ich etwas als organisch oder anorganisch ansehe, das ist nur eine Frage der Perspektive. Es ist das selbe Phänomen, das einem bei dem Doppelspaltexperiment begegnet. Wir erleben zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, doch tatsächlich sind sie ein und dasselbe.

Wir sind es gewohnt, die Phänomene, die uns im Leben begegnen, so zu sehen, wie wir sie eben sensorisch wahrnehmen. Dank der modernen Physik können wir ‚eigentlich‘ nicht mehr leugnen, dass dieser ‚Blick‘ auf die Welt nur die Oberfläche umfasst, aber nicht, was sich dahinter wirklich ereignet hat, dass wir genau das Phänomen sehen, das wir eben sehen.

Folgendes passiert: Wir nehmen eine einzelne Momentaufnahme eines Prozesses wahr und analysieren sie, um die dahinter liegende Dynamik zu verstehen. Wir isolieren das, was wir gerade sehen, als ein Bild, so als wäre es etwas unabhängig Existierendes, das keinen Bezug zu dem Rest des Films hat.

Wir betrachten also Bild um Bild, behandeln jedes Einzelne wie ein Unikat, ohne weiteren Zusammenhang. Und selbst dann, wenn wir den ganzen Film anschauen, sehen wir auch nur Bild für Bild, jedoch immer noch nicht, was das Dargestellte ausgemacht hat.

Das tun wir nicht, weil es richtig wäre, sondern weil die allermeisten nur Momentaufnahmen wahrnehmen, nicht aber den dahinterstehenden Prozess. Das müssen wir erst noch lernen. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung. 

Normalerweise sehen wir den Lebensfilm wie einen Film im Fernseher oder im Kino. Wir selbst denken uns aus dem Film heraus. Was aber nicht einmal bei einem tatsächlichen Film geht, denn ohne mich als interpretierenden Beobachter kann ich keinen Film sehen. Einen unbeteiligten Filmbetrachter gibt es nicht. Und das Leben ist wesentlich mehr als ein Film.

Will ich also mich selbst verstehen, muss ich die Welt verstehen. Ich muss verstehen, dass scheinbar Unterschiedliches letztlich doch nur unterschiedliche Perspektiven des Selben sind. Und ich muss aufhören die Welt zu betrachten, denn ich kann mich dabei nicht heraus nehmen; das ist ein gedanklicher Trugschluss.

Ich kann die Welt also nur erleben. Erlebe ich jemanden anderen, etwa meine Frau, eine meiner Töchter, einen Enkel oder einen Freund, dann besteht mein Erleben zur Hälfte aus dem anderen und die andere Hälfte, das bin ich selbst.

Es wird Zeit, die Wundertüte des Lebens endlich aufzumachen.