Sicherheit

Wie sicher kann ich sein, mich in Sicherheit zu wähnen? Das fragte ich mich gerade, als ich dieses Zitat von Lingyuan las:

„Wenn du auf einem Reisighaufen liegst, der unten schon brennt, bist du überzeugt, ganz sicher zu liegen, solange die Flammen dich noch nicht erreicht haben.“

Darüber musste ich nachdenken, als ich in einem Restaurant saß und die geschäftigen Wirtsleute wie die zufriedenen Gäste beobachtete. Das Restaurant, ein Gartenrestaurant, liegt in einer wunderschönen Weingegend, regelrecht idyllisch.

Die Menschen unterhielten sich über alltägliche Dinge, Konversation eben, auch Politik war ein Thema, es stehen ja Wahlen an. Die Szene, die sich einem da bot, könnte man kurz so zusammenfassen: Was geht es uns doch gut! Die kürzlichen Überschwemmungen waren kein Thema mehr, auch die Kriege in der Welt nicht, genauso wenig wie die klimatischen Veränderungen in der Welt, die Ungerechtigkeiten dieser Welt nicht spürbar. Wie gesagt, uns geht es gut!

Da fragte ich mich beim Lesen obigen Zitats schon, ob das Leben, in dem wir uns bewegen, vielleicht nicht brennt, aber auf tönernen Füßen steht; Füßen, die schon sehr, sehr instabil sind und jeden Augenblick umzustürzen drohen – und für viele auch schon umgestürzt sind.

Das sieht oder bemerkt man wohl nur, wenn man bereit ist, hinter die Dinge zu schauen, ihnen auf den Grund zu gehen und die seichte Oberfläche der Konvention zu verlassen. Und es muss Menschen geben, die dazu bereit sind, bereit, sich nicht von der Konvention betören, verführen und einlullen zu lassen.

Nur ist es nicht so einfach, sein Sicherheitsbedürfnis aufzugeben, auch wenn man eigentlich wissen könnte und vielleicht auch wissen müsste, dass das Gefühl der Sicherheit nur darauf beruht, nicht genau hinzuschauen.

In meiner Familie gibt es dafür ein sehr gutes Beispiel. Das Verhalten meines Vaters, was spielt hier keine Rolle, beruhte schlicht auf einem naturalistischen Fehlschluss. Das er dem nicht alleine verfiel macht es wirklich nicht besser.

Ein naturalistischer Fehlschluss, ein Begriff der Moralphilosophie und Logik, besagt, daß es nicht zulässig ist, von beobachteten Fakten (Faktum) auf moralische Normen (Moral) zu schließen. Will ich selbst nicht einem solchen Irrtum verfallen, muss ich lernen, die Wirklichkeit zu ergründen und mich nicht in Werturteilen ergehen.

In dem Moment, in dem ich über einen anderen ein Werturteil fälle, tue ich das, um mich gut zu fühlen, und um mir selbst immer wieder zu zeigen, dass ich etwas Besseres sind. Ich kann ja nur über andere urteilen, wenn ich mich über diese stelle, eben wenn ich denke, dass ich etwas Besseres wäre, etwas Wichtigeres.

Das aber ist nicht so. Also suche ich über Fakten und nicht über Werte zu reden. Dann merke ich hoffentlich schneller, wenn der Reisighaufen schon angefangen hat zu brennen, auf dem ich es mir gemütlich gemacht habe.

Es mag paradox klingen, aber die Wirklichkeit zu untersuchen bringt mir die Sicherheit, die ich im Leben brauche, wohingegen mich Werte bei der Betrachtung dessen, was ist, nur in Sicherheit wiegen – selbst wenn es das nicht mehr ist.

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