Sichtweisen

Innen und außen – nur eine Illusion? Wenn ich sage, ‚innen wie außen’, dann entsteht in diesem Moment in meinem Denken eine Vorstellung von ‚Innen‘ und eine von ‚Außen‘ – selbst wenn die Wirklichkeit eine ganz andere wäre – oder auch ist. Die Folge ist dann, dass ich in einer Illusion lebe; ein dem Denken entsprechende (Selbst-) Täuschung.

Doch was ist wirklich wirklich? Es ist schon eine Ironie des Lebens, wenn uns aktuell die Wissenschaft erklärt, dass all das, was Wissenschaft uns bisher über die Wirklichkeit gesagt hat, offensichtlich nur vordergründig richtig ist. Wobei ich hier zwischen den an Mechanik orientierten und den Geist orientierten Wissenschaften unterscheide.

Die Frage, wie der Geist in die Materie kommt – oder, anders formuliert, die Frage, weshalb wir lebendig sind, hat die Menschen schon immer beschäftigt. Nicht alle, aber viele. Nur ist bei der Betrachtung vielfach ein fataler Fehler unterlaufen. Selbst Psychologie und Kognitions- wie Neurowissenschaften haben bei ihren Betrachtungen das subjektive Erleben des Einzelnen zugunsten von ‚neutralen‘ Methoden und theoretischen Narrativen, ähnlich denen der Naturwissenschaften, ausgeblendet.

Die Ironie ist, dass es die Wissenschaften, vor allem die Quantenphysiker selbst sind, die uns nun zu erklären versuchen, dass es eben doch ganz anders ist, als man bisher angenommen hat. Doch was bedeutet das? Kürzlich haben ich mich mit meiner Frau über eine andere Person ausgetauscht und festgestellt, dass wir nicht über die selbe Person sprachen, nicht einmal die gleiche. Obwohl es ‚eigentlich‘ ein und dieselbe Person war.

Wir leb(t)en also in zwei vollkommen verschiedenen Welten, denn wie sonst hätten wir einen Dritten so unterschiedlich erleben, also wahrnehmen können? ‚Meine‘ Welt ist also exakt so, wie ich sie denke; das ‚sie-Sehen‘ kommt erst danach. Meine Wahrnehmung ist also in erster Linie ein mentaler und keine sensorischer Prozess.

Dass Einstein die Erkenntnisse, die zu ‚seiner‘ Relativitätstheorie führten überhaupt erkennen konnte, liegt vielleicht daran, dass die Menschen als Ganzes zumindest bereit waren, das zu erkennen. Und Einstein dachte es eben. Denn ich darf nicht übersehen, dass die vielen Welten der Einzelnen ‚irgendwie’ nicht nur zusammenhängen, sondern Eins sind. Ist Komplexität nur eine Beschreibung dessen, wie wir das Eine wahrnehmen, eben differenziert? Denn wie kann ich das Ganze sonst wahrnehmen, solange ich mich noch als Einzelner verstehe?

Fakt ist, dass sich das wissenschaftliche Interesse sozusagen umgedreht hat; weg vom Beobachteten hin zum Beobachter. Wird der nächste Schritt sein, dass wir erkennen und vielleicht auch so leben können, dass das Beobachtete und der Beobachter eins sind? Dann aber wird es kein ‚Innen’ und kein ‚Außen‘ mehr für uns geben.

Ich frage mich immer, wie Menschen wie Huang-Po auf solche Einsichten kommen konnten, allein dadurch, dass sie sich in ihren Geist versenkten, ganz ohne wissenschaftliche Hilfsmittel:

Wenn alles Innere wie Äußere, Körperliche wie Geistige aufgegeben wird, wenn, wie in der Leere, keine Bindungen zurückbleiben, wenn jede Handlung allein von Ort und Umständen diktiert wird, wenn Subjekt und Objekt vergessen sind – das ist die  höchste Form des Loslassens.

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