Sucht

Das alltägliche Leben in der Konvention gleicht einer Sucht. Genau genommen ist es eine. Darunter ist eine Abhängigkeit zu verstehen, mit der das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand bezeichnet wird.

Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und die sozialen Chancen eines Individuums.

In der Gesellschaft sind unterschiedliche Herangehensweisen und ein unterschiedlicher Umgang mit Süchten festzustellen. Manche werden regelrecht toleriert oder sogar akzeptiert, wenn auch nicht von jedem.

Wieder andere werden kategorisch als ‚schlecht‘ bezeichnet, obwohl man sich darüber streiten könnte, ob man es dabei wirklich mit einer Sucht zu tun hat. Doch das will ich hier nicht behandeln.

Mir geht es hier um eine Sucht, die wohl von den allerwenigsten als solche klassifiziert werden wird: Die Konvention. Wahrscheinlich weil ein Zusammenleben ohne diese Sucht schwierig erscheinen mag — was aber nicht zutrifft.

Auch für diese Sucht gibt es keine Notwendigkeit, wie für jede andere Sucht auch. Mit einer Sucht wird ja nur versucht, ein anderes Gefühl zu kaschieren, zu vertuschen, eine unerträgliche Situation erträglich zu machen.

Und das ist auch bei der Konvention so. Die Menschen wollen zusammenleben, wir sind nun einmal so eine Art von Rudeltieren. Doch gleichzeitig empfinden wir auch die Falschheit des gesellschaftlichen Miteinanders. Das Laute, der Egoismus, die wirtschaftlichen Zwänge (Notwendigkeiten genannt), die Konsumhaltung genauso wie die überbordende Egozentrik.

Ich finde es spannend, dass indigene Menschengruppen vielfach für primitiv gehalten werden. Da stellt sich schon die Frage nach der Wertigkeit: Was ist wichtiger, die Menschlichkeit oder das wirtschaftliche Gut, das ein Mensch besitzt? Sehr deutlich wird das auf der Seite von Gregory Colbert.

Meiner Ansicht nach sind die darauf gezeigten Menschen mehr Mensch, als die, die wir üblicherweise in unseren Industriegesellschaften antreffen. Und ich schließe mich da absolut nicht aus. Wir haben ganz offensichtlich unsere Seelen dem Mammon geopfert.

Und um das nicht zu spüren, hat der Mensch im Laufe seiner Entwicklung die Konvention erfunden. Ich finde das nur noch traurig. Das bedeutet für mich nicht etwa, dass ich mich in die Wälder und die Abgeschiedenheit zurückziehen soll (was ich als Jugendlicher schon mal getestet habe, war aber auch keine Lösung).

Nein, ich will lernen unter den Menschen zu leben, aber ohne Konvention.

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