Tiefgründiges

Ich kann nicht tiefgründig genug sein, will ich korrekt sein. Selbst, wenn mir (und anderen) meine Werte korrekt zu sein scheinen, werde ich doch das Falsche tun, wenn ich nicht im Einklang mit der Natur und der Wirklichkeit bin. Das, also im Einklang mit der Natur zu sein, kann ich glauben, doch es muss keineswegs stimmen.

Als ich noch ‚nur‘ Ch‘an praktizierte, waren meine Ansichten über das, was ‚natürlich’ ist, aus meiner heutigen Sicht teilweise immer noch schlicht falsch. Obwohl, korrekt wäre wohl zu sagen, dass ich bei meinem ‚Weltbild‘ von grundsätzlich falschen Dingen ausging. Es waren Dinge, die ich nicht hinterfragte, weil Ch‘an oder Zen sie nicht thematisiert, sie aber vielfach mein Leben bestimmten und ich sie deswegen auch nicht hinterfragte.

Das Gebot, andere Menschen nicht zu töten, ist ein moralisches Gebot, das ich solange brauche, damit ich andere Menschen nicht umbringe, solange ich die Verbundenheit nicht sehe. Ich meine aber nicht die Verbundenheit mit anderen Menschen, das ist nur eine moralische Überlegung, sondern die Verbundenheit allen Seins überhaupt!

Wenn ich die sehen kann, wird das moralische Gebot überflüssig, es braucht es einfach nicht mehr. Andererseits kann ich etwa Kriege moralisch ablehnen und verurteilen, doch ich unterstütze selbst genau das Denken, das Kriege möglich macht, wenn meine Gedanken und meine Argumentation auf Trennung basieren. Dann teile ich die Menschheit auf in die Guten und die Bösen und mache damit das Gleiche, was der Kriegführende auch tut: Er trennt, was nicht zu trennen ist.

Aus genau diesen Gründen muss ich lernen, andere Lebewesen – und nicht nur Menschen! – nicht zu verurteilen und ihre Handlungen nicht zu beurteilen, sondern zu verstehen. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass ein unnatürliches Verhalten irgendwie verständlich sein könnte. Das ist es nicht. Es ist ein wirkliches Unglück, dass wir durch das eigene Denken unwissentlich Dinge fördern können, selbst wenn wir sie moralisch ablehnen.