Vorstellung

Wege sind nur dann sinnvoll, wenn sie auch gegangen werden. Werden sie jedoch nicht gegangen, gibt es sie auch nicht. Vielleicht für einen anderen, aber nicht für mich. Das Problem ist nur, dass wir oft glauben einen Weg zu kennen, obwohl wir ihn noch nie gegangen sind. Solange wir ihn nicht tatsächlich gehen und die Erfahrung machen, diesen Weg gegangen zu sein, gibt es diesen Weg einfach nicht für uns.

Ich lese gerade ein Buch von Jiddu Krishnamurti (Das Licht in uns: über wahre Meditation). Darin steht eine interessanter Gedanke, nämlich dass Raum notwendig sei, doch wo Aufmerksamkeit herrsche, gäbe es keine Richtung, sondern nur den Raum. Bedeutet das jetzt, dass ich nichts mehr sage, wenn ich mich mit jemandem über etwas streite? Etwas zu sagen ist in meiner spontanen Vorstellung ja ein Mich-Bewegen.

Nur, wie kann ich den Raum überhaupt nutzen, wenn ich mich nicht mehr bewege? Das war die erste Frage, die in meinem Kopf dazu auftauchte. Und das brachte mich zu diesen Gedanken hier. Vielleicht hätte ich ohne diesen gedanklichen Zwischenstop seinen Gedanken registriert und weiter gelesen, einfach, weil ich ihn für richtig gehalten hätte, schließlich kommt er ja von einem wirklich weisen Menschen. Doch solange ich den Gedanken nicht gedacht habe bin wie ich einen Weg gehe, gibt es diesen Gedanken nicht für mich, es bleibt eine Vorstellung, jedoch ohne die Erfahrung des Gedankens – und damit unverbindlich.

Ohne diese Erfahrung aber gibt es den Gedanken für mich nicht. Es ist bei genauem Hinsehen nicht einmal eine wirkliche und vor allem keine eigene Vorstellung, sondern eben nur der Gedanke eines anderen. Solange ich jedoch diesen Gedanken selbst noch nicht erfahren habe, ihn also nicht wirklich gedacht und als richtig erlebt – und nicht nur gedacht habe, solange gibt es ihn nicht für mich, denn dann habe ich ihn noch nicht selbst erfahren.

Bei einem Weg ist das ziemlich einfach. Bin ich ihn nicht gegangen, habe ich also die Wegerfahrung nicht gemacht, also gibt es den Weg auch nicht für mich. Und ich habe erst gewusst, wie eine Erdbeere schmeckt, als ich eine gegessen habe. Bei einem Gedanken ist das schon schwieriger. Einen gelesenen oder gehörten Gedanken kann ich glauben aufgenommen, also wirklich erfahren zu haben, selbst wenn das tatsächlich überhaupt nicht der Fall ist.

Ich muss mich daher immer wieder ganz ernsthaft fragen, ob ich einen Gedanken auch tatsächlich erfahren und nicht nur intellektuell verstanden habe. Habe ich das nicht, dann darf ich unter keinen Umständen darüber hinweg gehen und einfach weiterlesen. Denn dann würde ich die Illusion in mir erzeugen, etwas begriffen zu haben, was ich jedoch nur gelesen habe.