Wahrheit

Die Schwierigkeit ist zu erkennen, was ‚Wahrheit‘ überhaupt ist.

Nicht nur Albert Einstein hat mit seiner Relativitätstheorie bewiesen, dass Raum, Zeit und Masse eben nicht als absolut, sondern als relativ anzusehen sind. Die Quantenphysik wiederum hat herausgefunden, dass die Elementarteilchen Partikel, Wellen, beides oder etwas völlig anderes sein können.

Als was sie erscheinen, hängt vom Betrachter, beziehungsweise dessen Wahl der Apparate und Messmethoden, ab. Diese Rolle des Beobachters, der diese relative Wirklichkeit erst generiert, ist das ‚eigentliche’, das wirkliche Wahrheitsproblem.

Im Ch’an hat man dafür schon seit langer Zeit eine Lösung, mit der wir uns befassen sollten. Eine Lösung hat nämlich Nagarjuna gefunden. Er spricht von den ‚zwei Wahrheiten‘, der konventionellen und der ultimativen. 

In der Welt der konventionellen Wahrheit gibt es eine Vielzahl von Dingen und Individuen, die klar von einander abgegrenzt sind, sowie die Gesetze der Logik. Diese Welt der empirischen Erfahrung ist keine Illusion, sie ist auch nicht ‚unwirklich‘. Sie ist real in dem Sinn, dass wir sie erfahren.

Aber: Aus der Perspektive der ultimativen Wahrheit besitzen Dinge und Ereignisse keine abgegrenzte, unabhängige Realität. Sie sind ‚leer‘ in dem Sinn, dass nichts über eine unveränderliche Substanz verfügt.

Wenn wir verstehen wollen, wie Lebewesen sich organisieren (also auch wir Menschen), dann müssen wir über das Wahrnehmbare hinausgehen. Wieso etwa Oktopoden ohne Gehirn denken können. Oder wie Vögel zielsicher ihre Winterquartiere finden.

Unter dieser Perspektive besteht die Welt nämlich aus einem Netz von verbundenen Wirklichkeiten. Und sie ist hochgradig komplex. Was wir tun und denken, erhält hier größte Wichtigkeit, weil es alles, mit dem wir verbunden sind, beeinflusst. Genau genommen gestalten wir Wirklichkeit, denn wir stehen nicht außerhalb, sondern sind mittendrin.

In der Chaostheorie weiß man, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Sturm auslösen kann. Nur glauben wir das lieber nicht, weil wir uns es nicht vorstellen können. Oder dass ein meditierender Mönch einen Diktator stürzen kann.

Klingt irreal, ist es aber nicht – wenn wir es leben würden. Forscher beweisen uns ständig, dass es tatsächlich so ist – doch wir glauben es meist noch nicht. Wir halten es vielfach noch immer für irreal. Doch das sollten wir nicht. Es ist real, auch wenn wir es noch nicht begreifen und uns noch nicht vorstellen können.

Folglich ist größtes Verantwortungsbewusstsein im Tun und vor allem im Denken für jeden unabdingbar. Und vielleicht sollte ich die Sprüche von Yoda aus dem Krieg der Sterne nicht nur witzig finden, sondern mich fragen, ob in ihnen eine dem Autor selbst vielleicht nicht bewusste Wahrheit intuitiv angedeutet ist.

Fazit: Es ist eine Sache, ob ich einen anderen um die Uhrzeit frage oder ob ich das Handeln eines Lebewesens verstehen will. Bei erstem genügt Verstandeswissen und Denken, also Intellekt, beim zweiten braucht es Intuition. Versuche ich Letzteres durch Verstand und Denken zu verstehen, erleide ich unweigerlich Schiffbruch.

Denn der Intellekt hat immer Recht, die Intuition aber findet Wege.

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