Wahrnehmung

Was ich wahrnehme, halte ich für gegeben. Doch ist es das auch? Ich denke nämlich nicht. Huang-po stellt in ‚Der Geist des Ch’an‘ sehr treffend fest, dass die Menschen, also wir, gewöhnlich dem begrifflichen Denken verfallen sind, das auf den Erscheinungen der Umwelt beruht. Und, so führt er weiter aus, daher würden ihre Begierden und ihr Hass stammen.

Eine Behauptung, die es wert ist, sie einmal genau zu betrachten und zu untersuchen. Wenn ich begrifflich denke, dann heißt das, dass ich einem Begriff Substanz zugestehe, wenn ich also nicht ‚nur‘ an einen Schwan denke, sondern ihn als Schwan denke. Indem ich eine Vorstellung hinzufüge beziehungsweise habe, nimmt er Substanz an. Und in diesem Moment ist es nicht mehr nur ein Begriff, sondern etwas real Existierendes.

Nur dieses scheinbar real Existierende ist nicht mehr als meine Empfindung über eine Wahrnehmung, also nichts Reales und nichts Existierendes. Und deswegen kann es niemals das Wahrgenommene sein. Nur habe ich damit einem fatalen Trugschluss Tür und Tor geöffnet; denn ich gehe von etwas Existierendem aus, das es aber nicht gibt, denke ich schlicht und einfach falsch.

Im Alltag fällt das selten auf, dass es sich hier um einen Widerspruch in sich handelt. Doch in dem Moment, in dem ich etwas psychologisch betrachten möchte habe ich schon ein gewaltiges Problem, denn ich kann ja nur meine eigene Empfindung betrachten, aber nie das, was ich angeblich bei einem anderen betrachte.

Wenn ich sage, jemand sei klug, gerissen oder dumm, dann sagt das allein etwas über meine Wahrnehmung aus, jedoch absolut nichts über den anderen. Denn ‚wie‘ der ist, kann ich einfach nicht wissen – außer natürlich, er erzählt es mir. Doch selbst dann weiß ich nicht, oben es stimmt, denn vielleicht irrt er sich über sich selbst? Wüssten wir Menschen immer ganz genau, wie wir sind, bräuchte es keine Seminare zu Selbstfindung oder Selbsterkenntnis zu geben.

Huang-po sagt weiter, dass in dem Moment, indem wir dem begrifflichen Denken ein Ende setzen, auch die Folgen aufhören. Und die sind Begierde und Hass. Ich kann ja nichts begehren, was nicht existiert. Und ich kann auch einen anderen nicht für das hassen, wofür ich ihn halte, wenn ich ihm keine Existenz einräume.

Ich darf ja nicht vergessen, dass ich immer nur über meine eigenen Wahrnehmungen spreche. Solange ich mich selbst im begrifflichen Denken verfange, verhalte ich mich wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterher jagt und ihn zu fangen sucht. Spreche ich über einen anderen, spreche ich tatsächlich nur über mich selbst.

Mache ich das jedoch nicht, sondern löse mich aus begrifflichem Denken, dann hören Begehren und Hass auf, dann sind die Erscheinungen der Umwelt leer. Dann hört das Denken auf und ich nehme einfach nur wahr, was ist. Auch das bewerten und beurteilen hört dann auf, denn das braucht ja auch etwas Existierendes.

Das darf nur nicht dazu führen zu meinen, dass man nicht darüber reden könnte. Schreit mich jemand an, dann schreit er mich an. Punkt. Was er damit zu erreichen sucht, muss ich nicht durch Bewertungen ergründen, denn das wird er mir schon sagen, vorausgesetzt ich höre mit offenen Ohren zu. Wobei Bewertungen oft nur ein Abwehrverhalten ist.

Gehe ich jedoch davon aus, dass ich selbst keine Substanz habe – was könnte da angegriffen werden? Auch bei mir selbst kommt es darauf an, wie ich mich wahrnehme – mit oder ohne Substanz?

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Allgemein