Weltbilder

Das sogenannte lokal-realistische Weltbild ist eine Illusion. Zu dieser Erkenntnis hat uns Einsteins Verständnis von der Raum-Zeit gebracht. Wir reden zwar ganz selbstverständlich über diese Raum-Zeit und nutzen sie auch genauso selbstverständlich, etwa in unseren Navis oder Handys, doch haben wir es auch inhaltlich-philosophisch begriffen und nicht nur, dass es funktioniert?

Einstein war einer derjenigen, die beharrlich die Annahmen der Quantenphysik zu widerlegen suchten, auch wenn er sie selbst durch seine eigenen Erkenntnisse maßgeblich inszeniert hat. Doch die Quantenphysik hat seinen Einwänden die kalte Schulter gezeigt und Beweis um Beweis geliefert, dass sie eben doch ‚funktioniert‘.

Prof. Harald Weinfurter von der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching bringt es mit einem lapidaren Satz auf den Punkt: ‚Die Natur ist anders, als wir sie mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen.‘ Ist es das, was wir lernen müssen? Es gibt nicht die eine Wirklichkeit, sondern je nach Betrachtung völlig unterschiedliche.

Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass jeder sich die Wirklichkeit denken könnte, wie er oder sie mag. Dass die Dinge relativ sind und nicht nur so erscheinen bedeutet noch lange nicht, dass sie beliebig wären, was leider manche gleichsetzen. Ein gewaltiger Irrtum. Relativität ist also das Eine. Das Andere ist dass wir niemals von Zuständen ausgehen dürfen, sondern immer nur von Prozessen.

Es gilt also zwei Dinge zu vereinen. Einmal die Tatsache, dass es nicht nur auf die jeweilige Perspektive ankommt, sondern dass die entscheidend ist und zum anderen, dass sich mein Handeln (wie das jedes anderen) absolut prozesshaft gestaltet und jederzeit eine ganz andere Richtung nehmen kann, sozusagen aus dem Stand. Also keine Vorhersagbarkeit!

Der Witz bei Einsteins Relativitätstheorie ist ja, dass manches relativ ist, aber eben nicht alles. Und bei uns Menschen ist es wohl genauso. Diese Theorie bedeutet, dass es weder absolute Bewegung noch absolute Ruhe gibt. Und das gilt wohl auch für das, was in unseren Gehirnen so abläuft. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass es so ist. Es gibt nichts, das für sich existieren könnte, alles hat einen Bezug, auch ein Gedanke. Nur dass uns diese Bezüge oft nicht klar sind.

Es darf dabei nicht vergessen werden, dass auch die Zeit relativ ist. Dass wir die Zeit linear erleben, liegt ganz einfach an den Geschwindigkeiten, die uns im Verhältnis zur Lichtgeschwindigkeit möglich sind. Kann man also vernachlässigen. Deswegen erleben wir die Zeit als linear – und nicht, weil sie es ist.

Die Frage ist, ob das auch für das gilt, was in unseren Gehirnen so abläuft. Meine Überzeugung ist, dass da mindestens Lichtgeschwindigkeit am Werk sein kann. Voraussetzung ist wohl, die eingefahrenen Muster und Denkschienen zu verlassen.

Fest steht, dass das, was für Beobachtungen gilt, wohl auch für Ansichten gilt. Da waren uns einige Völker, auf die heute manche etwas heranlassend herunterschauen, vielleicht weit voraus. Wahrscheinlich, weil indigene Völker wesentlich naturverbundener lebten und teilweise noch leben, als wir es heute tun (können).

Naturverbundenheit‘ oder ‚Harmonie mit den Prinzipien der Natur‘ ist das, was es zu beachten gilt. Was immer ich tue, es muss im Einklang mit den natürlichen Prinzipien stehen – wenn es sich nicht gegen mich selbst richten soll. Das bedeutet, dass ich aus implizitem Wissen heraus handeln muß. Wie gesagt, muß; Absichten oder Wissen allein genügt nicht.

Wenn ich aber weiß, dass ich durch reine Beobachtung und reines Erleben die Welt nicht vollständig ‚sehen‘ kann, dann brauche ich weitere Wege der Erkenntnis. Ich darf die Aussage von Harald Weinfurter nicht vergessen: ‚Die Natur ist anders, als wir sie mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen.‘ Ich brauche eine naturwissenschaftliche Ergänzung, und keine philosophische, denn die basiert ja auf dem, was ich erkannt zu haben glaube.

Ich kann über nichts nachdenken, was ich nicht mit meinen Sinnen aufgenommen habe – etwa über ein Buch. Oder eine Geschichte. Auch das erlebe ich. Über den Inhalt des Films ‚Matrix‘ etwa kann ich nicht nachdenken, wenn ich ihn nicht gesehen habe. Es kommt ganz entscheidend darauf an, was ich gelesen, gehört oder selbst erlebt habe. Dabei muss ich genau aufpassen, was ich als wahr, möglich oder auch nur interessant annehme – und damit in mein Denken integriere.

Ich brauche also fundierte Erkenntnisse über die Natur, denen ich vertrauen kann. Dann, aber wirklich erst dann, kann ich damit mein Weltbild philosophisch formen. Ich darf nicht vergessen, dass jede Methode und jedes Konzept gegen die Natur ist. Daher gehe ich allem aus dem Weg, was etwas definiert und folge nur dem, was beschreibt und was ich selbst oder auch andere verifiziert haben.

Wie sollte oder eher muss ich die Dinge sehen? Ganz klar keine Zustandsorientierung, sondern Prozessorientierung. In der Physik kennen wir das Lokalitätsprinzip und die Komplementarität. Beide sind schwer unter einen Hut zu bringen. Das ist das zentrale Thema des EPR-Paradoxons: Wenn zwei Systeme nicht mehr miteinander wechselwirken, kann keine wirkliche Veränderung am zweiten System als Folge eines Eingriffs in das erste System auftreten. Das sagt die Lokalität, die Komplementarität sagt jedoch etwas anderes.

Doch beide Theorien sind absolut zutreffend. Mache ich also einen kleinen Ausflug in die Welt des Metaphysischen und frage, was Chán dazu sagt. Chán würde es wohl so formulieren: ‚Es gibt keinen Handelnden, bloß die Handlung. Keine Erfahrung, bloß den Erfahrenden, nur sich zusammenfügende Teile, in Wandlung begriffen.‘

Das bedeutet die Aufgabe unseres tradierten Realitätsbegriffs, und das ohne Widerspruch seitens der Metaphysik wie der modernen Physik! Da geht uns der Bezugspunkt ‚Realität’ verloren, was bedeutet, dass letztlich alles darauf Beruhende nicht korrekt ist. Das hat fatale Auswirkungen, denn das ‚Ich’, von dem wir üblicherweise ausgehen, baut auf exakt diesem unzutreffenden Verständnis von Realität auf. Auch wenn es Realität in unserem Erleben zumindest näherungsweise gibt, gibt es deswegen noch lange kein ‚Ich‘.

Doch was bedeutet das für mein Leben? Es macht uns Angst, die Vorstellung eines ‚Ich‘ aufzugeben, das es tatsächlich nicht gibt. Ohne dieses bisher angenommene ‚Ich‘ geht mir jegliche Orientierung in der Welt scheinbar verloren. Aber wie gesagt, nur scheinbar. Denn ich finde mich wesentlich besser in der Welt zurecht, weil ich ganz einfach die Zusammenhänge wesentlich besser verstehen kann als früher.

Damit habe ich auch entschieden mehr Handlungsmöglichkeiten, denn ich bin nicht mehr auf ‚die eine‘ Realität fixiert. Das andere ist, dass ich Distanz zu den Handlungen anderer bekomme – denn ich kann sie ja nicht erfahren! Keine Erfahrung! Also weder beurteilen noch bewerten, was jedoch keine Beliebigkeit bedeuten darf!