Weltbilder

Mein Weltbild definiert mich ganz klar. Nur machte ich mir darüber bisher selten Gedanken. Sehr bedauerlich, vor allem, da mir das überhaupt nicht bewusst war. Ich trennte alltägliches Leben und Philosophie beziehungsweise Mystik voneinander. Das aber hat sich geändert. Jedenfalls hoffe ich das.

Wenn ich also weiß, dass Steine hart sind und schnell von oben nach unten fallen, dann achte ich darauf, dass mir keiner auf den Kopf fällt. Aber ich vertraue nicht darauf, sondern achte auch auf das, was über mir ist. Und genau da fängt die Philosophie an. Also kann ich beides nicht voneinander trennen.

Das gehört letztlich auch zu meinem Weltbild: Womit erziele ich das für mich bessere Ergebnis, indem ich entweder darauf vertraue, dass mir kein Stein auf den Kopf fällt, wenn ich unter einer Brücke oder Ähnlichem durchgehe, oder wenn ich auch darauf achte, was über mir passiert?

Mein Weltbild umfasst aber nicht nur Steine, sondern auch andere Dinge. Dazu gehöre vor allem ich selbst. Mein Selbstverständnis und mein Weltbild stehen in regem Austausch miteinander, sie haben sich ständig was zu erzählen. Was ich also erlebe, prägt mein Weltbild. Nur, was ich erlebe muss ja nicht zwingend korrekt sein.

Für mich ist es natürlich richtig, die Frage ist nur, ob die diesem Erleben zugrundeliegenden Annahmen und die darauf aufbauenden Schlussfolgerungen überhaupt stimmig sind. Was ich für richtig halte kann also auch falsch sein, einfach, weil ich von unzutreffenden Ansichten ausgehe.

Die Frage ist also, ob meine Ansichten überhaupt stimmen können! Früher war ich ständig auf einen ‚Naturalistischen Fehlschluss‘ hereingefallen. Weil ich etwas in der Vergangenheit festgestellt und erlebt hatte, etwa eine spezifische Haltung, schloss ich daraus auf eine Eigenschaft. Seitdem ich begriffen habe, dass wirklich alles prozesshaft ist, suche ich die wichtigen Prozessparameter zu erkennen – und eben nicht von Eigenschaften auszugehen.

Will man über Weltbilder sprechen, stellt die Sprache oft schon eine große Hürde dar, da sie selbst ja schon für ein spezifisches Weltbild steht. Ist meine Sprache dreidimensional strukturiert, ist es naturgemäß schwierig, über etwas Vierdimensionales zu sprechen. Ein ‚Problem‘, das Mystiker schon immer hatten und was wahrscheinlich verhindert hat, dass mystisches Denken in unserem Leben selbstverständlich werden konnte.

Andererseits gibt es Elemente in jedem Leben, die letztlich mystisch sind. Doch weil wir diese in unserer Sprache nicht selbstverständlich kommunizieren können, integrieren wir sie nicht in unser alltägliches Leben. Oder wir registrieren sie überhaupt nicht also solche Erlebnisse – ein fataler Fehler. Die Frage ist also: Was ist wirklich? Wovon kann ich in meinem Weltbild sicher ausgehen?

Lange Zeit suchte ich das allein durch die Gedanken des Chán zu erkennen. Doch ich stieß immer wieder an eine Grenze, wie wohl auch viele andere. Es ist der Begriff der Leerheit. Ein Begriff, der mich regelrecht nihilistisch ‚ansprang‘. Auch bei mir wirkt dieser Begriff im Hintergrund meines Denkens als eine recht krude Vorstellung. Ich dachte weiter, dass  Formen oder Elemente bestimmte Eigenschaften hätten, manch aber waren eben ‚leer’. Ich stellte mir die Leerheit wie eine Eigenschaft neben anderen vor.

Das war zwar falsch, wie ich heute weiß, aber für mich fühlte es sich völlig korrekt an. Wie sollte ich mir auch die Leerheit von Zahnschmerzen vorstellen? Woran also kann ich die Leerheit von Zahnschmerzen erkennen? Sie sind vergänglich und veränderbar. Der Gedanke, sie seien ‚leer‘ oder ‚Illusion‘, heilt sie definitiv nicht.

Das Wissen um die Leerheit ist keine konkurrierende Theorie neben dem Wissen des Zahnarztes. Die Leerheit zeigt sich als Prozess, nicht als Eigenschaft. Sie offenbart sich als Vergänglichkeit. Vergänglichkeit zwingt uns zum Loslassen. Leerheit zu praktizieren heißt also, das Loslassen zu üben. 

Im letzten Jahr habe lernen müssen, meine Vorstellung von meinem Vater aufzugeben, sie loszulassen. Ich hatte spezifische Erwartungen an mein Vaterbild. Indem ich dieses Bild aufgeben konnte, befreite ich mein Denken von einer Illusionen. Mein Vater war, wie er war, es meine geozentrierte Vorstellung, die ich aufgeben musste.

‚Leiden‘ in diesem Sinne bedeutet unerwünschte Veränderung dessen, was mir ‚selbst‘- verständlich erscheint. Und das erzwingt ein Loslassen. Ich muss etwas loslassen, das ich geliebt oder gemocht habe, worin und woraus ich meine Identität, mein Selbst illusionär aufbaute. Und damit mein entsprechend illusionäres und damit ‚falsches’ Weltbild, denn Selbst- und Weltbild sind nur spiegelverkehrt.

Aus genau diesem Grund bin ich den Illusionen auf der Spur, denen ich so nachhänge. Nicht so einfach, denn woran erkenne ich eine Illusion? Im Chán fehlte mir der spirituelle Meister, einfach, weil keiner in meiner Nähe war und ich mit ‚Meistern‘ auch so mein Problem habe. Doch ich fand etwas anderes (wieder), was mir den selben Dienst erweist wie ein Meister: Das sind die Gedanken der Quantenphysik. Es ist ja eine Tatsache, dass Buddhisten und Quantenphysiker sich wunderbar verstehen.

Das ist so, weil beide Denkdisziplinen sehr viel gemeinsam haben. Sie untersuchen die Dinge immer wieder von Neuem und ziehen sich nicht auf frühere Feststellungen zurück. Beide sind immer wieder bereit, ihre Ansichten sofort aufzugeben, sobald sie etwas Exakteres entdecken konnten. Das heißt eben, von der Unbeständigkeit und Prozesshaftigkeit auszugehen und eben nicht von ‚gegebenen’ Eigenschaften, die gefälligst da zu sein haben.

Was nichts daran ändert, dass Wasser mit einer Temperatur von 10 Grad zum Baden viel zu kalt ist. Nur ich hafte der Vorstellung nicht mehr an, dass Badewasser warm zu sein hat und bin nicht traurig, wenn es eben kalt ist. Stattdessen gehe eben nicht baden, wenn das Wasser so kalt ist und vor allem, ich ärgere mich nicht darüber, sondern mache etwas anderes.

Wie sagt doch Hui-neng? ‚Das wirkliche Nicht-Denken besteht darin, an alle Dinge zu denken, ohne sich von ihnen infizieren zu lassen.’ Hört sich leicht an, ist aber schwerer als man denken mag.