Selbstverständnis

Selbsterkenntnis ohne Selbstverständnis ist unmöglich. Solange ich nicht verstehe, wie ‚ich‘ überhaupt funktioniere (Entschuldigung für diesen technischen Begriff), solange kann ich mich auch nicht erkennen. Einfach, weil ich dann von unzutreffenden Annahmen ausgehe.

Ich lebe definitiv in zwei Welten. Einmal in meiner inneren Welt, die sich im Handeln und Tun zeigt. Also wie ich bin. Ich könnte auch sagen meine Seins-Welt. Sie besteht aus Empfindung, Instinkt und manchmal Intuition. Alles Dinge, die zum Nicht-Bewussten gehören. Meine Emotionen würde ich da nicht dazu zählen, die sind schon Entäußerungen, wie mein Handeln, was ich sage oder mein Nachdenken. Gleichzeitig leben ich in der scheinbar äußeren Welt, auf die ich genauso reagiere. Doch das bedeutet nicht, dass ich in ihr auch so kommuniziere und interagiere.

Eins zur Klarstellung: Unter Instinkt verstehe ich übernommene wie auch gelernte Verhaltensmuster und -Strukturen, sogenanntes implizites Wissen. Dieses Wissen zu erklären oder zu beschreiben ist extrem schwer; und wenn überhaupt dann auch nur ansatzweise. Was wir bei Tieren ‚Instinkt‘ nennen, nennen wir bei uns selbst Kultur. Und ignorieren dabei gerne unser eigenes instinkthaftes Verhalten. Also ich sehe da keinen wesentlichen Unterschied.

Je besser ich wahrnehme, dass ich im Leben, wenn ich handle, immer sozusagen auf Automatik laufe, heißt vor allem, dass ich den Begriff der ‚bewussten Kontrolle‘ ganz schnell vergessen sollte. Die habe ich definitiv nicht. Das hat mir, wenn auch eher schmerzhaft, mein Motorrad beigebracht. Was nicht bedeutet, dass ich wie ein Blatt vom Wind durch das Leben geschubst werde.

Natürlich habe ich die Kontrolle, aber eben nicht bewusst. Nur wenn ich etwas verinnerlicht habe, mache ich es auch. Leider ist das manchmal aber ziemlich blöd, weil unpassend. Auch darüber habe ich keine bewusste Kontrolle. Solche Verhaltensmuster wieder los zu werden verlangt verdammt viel Disziplin und vor allem ein klares Konzept, was ich stattdessen tun will.

In der Meditation tue ich nichts anderes, als wahrzunehmen, wie ich handle. Mehr nicht. Das ist dann die Basis für Reflexionen – und manchmal auch Entscheidungen. Aber da ich solche Entscheidungen nicht bewusst umsetzen kann, brauche ich dafür klare Rituale, die mich in der Spur halten, sonst wird es nichts.

Mit anderen lebe ich – erst einmal – in einer Zwischenwelt; ganz anders wie mit kleinen Kindern und Hunden oder Katzen. Oder den Vögeln in unserem Garten. Die fragmentieren anders als ‚erwachsene‘ Menschen die Wirklichkeit nicht. Tue ich aber das, dann bin ich nicht in der Lage, die gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene zu erkennen.

Wie sagt doch Thich Nhat Hanh: „Eines in allem und alles in einem zu sehen, bedeutet, die große Barriere zu durchbrechen, die unsere Wahrnehmung der Realität verengt.“ David Bohm bringt es etwas direkter auf den Punkt. Aber er ist ja auch Physiker: „Deshalb können die Menschen nicht sehen, dass sie ein Problem schaffen und dann scheinbar versuchen, es zu lösen.“

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